Na gut, drei oder sieben weniger. Hier einer, der uns besonders gut gefallen hat, nachdem schon etliche andere bewältigt wurden.
Alle haben uns gelehrt, dass der Weg das Ziel ist, denn der Ort Vallehermoso selbst hat uns, bis auf den miesesten Fisch, den wir jemals gegessen haben, nicht sonderlich imponiert. Aber zumindest wartet er mit den häufigsten Markt-Kreisel-Neugestaltungen auf, die wir kennen gelernt haben.
Los ging's wie fast immer, mit dem Bus, Haltestation bei Maria. Das war immer ein spannender Reisebeginn , denn es galt zu wetten – Enthaltungen gab´s nicht - wo der Bus denn halten würde. Die Erfahrung lehrte: Stand man auf der Strand"promenade", so dicht an den Müllcontainern, und kam der Bus an, der Fahrer hupte, wenn's hoch kam und wies auf die Ecke. Man musste also um die Ecke, zur neuen Strandavenida hin, wo immer die Tische stehen, und dort wurde man hereingelassen. Stand man nicht an der Stelle neben den Müllcontainern, sondern an der neuen Avenida an den Tischen, kam er um die Ecke gebraust und man tat sehr gut daran, praktisch auf der Straße zu stehen, denn sonst lief man Gefahr, dass er an einem vorbei brauste.
Wir standen günstig, neben den Containern, einer auf der anderen Straßenseite, damit nix schief gehen konnte. Es war kurz nach 8 Uhr, es war diesig und es war kalt. Mit uns warteten zwei mitteljunge schlanke Frauen, kleine Leinentäschchen umgehängt, Wanderschuhe an den Füßen (wieso "wo den sonst"?
Meine Frau z.B. reist mit dem Bus/Taxi immer in sehr leichten Sandalen und hat die Wanderstiefel in der Hand), lockerer Kleidung mit
Röcken! und einem Kartenausriss in der Hand. Sie unterhielten sich leise, und wir ordneten die Sprachmelodie ein:
wenn deutsch, dann sächsisch. Die zwei kletterten hinter uns in den Bus, und es gab ein längeres Palaver mit dem Fahrer.
Dann ging es los, und auf uns wartete die nächste interne Wette. Wo würde er am Ayuntamiento halten? Er hielt eigentlich immer dort, wo Leute standen, nicht wo das Schild war. Waren aber die Wartenden qua Outfit alles andere als Gomeros, hielt er genau am Schild und jeder Einsteigende wurde mit viel Stimmaufwand über sein Fehlverhalten, wenn er nicht genau am Schild gewartet hatte, bewillkommnet.
War dies gemeistert, konnte man die folgende stets wiederkehrende Szene erwarten: In der Straßenkehre, ich meine am Cementerio, meine Frau sagt, eine Kurve höher, liegt in Richtung Arure eine Haltestelle, mehr in einen Seitenwinkel gequetscht. Hier stieg immer ein Mann mit schwer zu schätzendem Alter zu. Ich denke, Mitte dreißig, und sein ganzes Gebaren war das eines sehr schüchternen Menschen. Ich hätte in Deutschland gesagt, der fährt zu einer Werkstatt für Behinderte. Dieser Mann wartete pünktlich an der Ecke; mal hatte der Fahrer was zu meckern, dass er zu weit auf der Straße stünde, mal stand er zu weit abseits, Richtung Wartehäuschen. Egal, es gab immer Mecker.
Wie oft habe ich mir gewünscht, nur mal 10 Minuten original gomerisch sprechen zu können, um diesem Rotzlöffel von Fahrer mal meine Meinung zu geigen.
War dies erlebt, konnte man auf das Folgende gewiss sein: Stets in Höhe der Ermita San Antonio ging auf dem rechten Bürgersteig eine junge Frau in unsere Richtung, vielleicht zu ihrer Arbeitsstelle. Sie war stets in weißer Hose und Jacke gewandet, wie eine Krankenschwester oder Sprechstundenhilfe, sie war stabil, sehr stabil, und ihr Gang war stabilitätsbedingt eher walzenförmig als elfig. Und jedes Mal kam vom Busfahrer der Kommentar "Puta".
Damit hörten die vorhersagbaren Dinge auf, und man konnte sich darauf konzentrieren, ob ab dem Palmarejo die Sonne zu sehen war. War an diesem Tag kaum.
Wir hatten dem Fahrer als Zielwunsch den "Apacarmiento cerca de Las Creces" angegeben und da hielt er auch. Hinter uns kamen die beiden für uns Sächsinnen zum Fahrer, es gab wieder ein Palaver und sie stiegen auch aus.
Der herrschenden Umgebungstemperatur da oben waren sie nicht angepasst gekleidet. Sie standen da, drehten ihre Karte in den Händen und blickten uns hilflos an. Wir glaubten so etwas wie "Vallehermoso" herauszuhören, und da waren wir ja nun Wegespezialisten. Also wortreiche Erklärungen, Kartenhinweise – nur das Feedback war irgendwie eigenartig. Es dauerte ein wenig bis wir begreifen, dass wir
französische "Sächsinnen" vor uns hatten, und da waren die sprachlichen Verwirrungen schon gleich groß, weil ich außer "bon jour" nur wenig in französischer Zunge von mir geben kann. Die beiden zogen mehr fröstelnd als fröhlich vor uns los, während wir erst mal in Wanderstiefel, Fleece und winddichte Jacke schlüpften und uns auch auf den Weg machten.
Ab der Parkeinbuchtung nach Las Creces mussten wir ca. 200 Meter die Straße wieder zurück – bergan, gehen, bevor wir rechts auf einen schmalen Pfad in den Wald einbiegen konnten. Er verlief fast eben, aufpassen mussten wir auf Baum- und Strauchwurzeln und so kleine Felsknubbeln, die aus dem Wegeboden ragten. Manchmal wurde nach rechts der Baumbewuchs weniger, und wir hatten ein herrlichen Blick auf Teneriffa mit dem Teide und das Mar de nubes im Norden.
Der Weg wurde knorriger, dann wieder breit und erdig, verließ dann den Waldrand und schlängelte sich, meist in Serpentinen, durch felsiges Gestein nach unten. Nach einer Stunde mit viel Fotografieren landeten wir dann bei der Haarnadelkurve auf der Forestal de la Meseta, dem breiten Forstweg, der sich von der Straße Epina – Vallehermoso bis zur Presa de los Gallos hinzieht. Hier war ein hübscher Rastplatz, weit unter uns sahen wir die beiden Französinnen auf die Presa zusteuern. Wenn die da heiter nach Vallehermoso wollten, dann wehe den Kleidungsfähnchen, die sie anhatten. Einige Wanderführer empfehlen für diese heute wohl nicht mehr begangene Strecke stabile Hosen – die vielen Dornen kannten wir noch auch den Jahren zuvor.
Wir aber konnten schauen und uns die Sonnen auf den Pelz scheinen lassen, das verschwitzte T-Shirt auf einem Blumenrasen trocknen lassen, bis es auch uns weiter zog.
Diesmal sollte es auf dem Kamm der La Montaña weiter gehen. Das ließ sich auch auf den ersten 20 Metern gut an, aber dann wurde es, wie steht es im Wanderführer, etwas abschüssig und "abschnittsweise recht verwachsen". Verwachsen ist einfach: Du siehst den Weg bis 27 cm vor Deiner Schuhspitze vor dir und sonst nut Sträucher, mehr nicht. Um weiterzukommen, musst Du mit den Armen die sich vor dir aufbauenden Büsche und Ranken (immer stachelichte Brombeeren) durchteilen.
Abschüssig ist nicht, wenn der Weg ansteigt oder abfällt; abschüssig ist, wenn der Weg nicht waagerecht ist, sondern, meist beträchtlich, nach einer Seite abschießt. Hier war es immer nach rechts. Total sandiger Boden, auf dem die Schuhe kaum griffen, von Regenrinnen durchfurcht, und sicheres Fortkommen war nur durch intensives Festhalten an den Büschen möglich. Und die hatten hin und wieder gemeine Dornen und Haken und wir natürlich keine Handschuhe. Irgendwann musste eine Pause zur Wundverpflegung eingelegt werde; meine Frau war der Bpotanik etwas zu nahe gekommen.
Na gut, diese Strecke war nicht länger als einige hundert Meter, dann traten die Sträucher zurück, der Weg wurde felsiger, die Schuhe fanden besser Halt. Tief unter uns zur Rechten sahen wir die südlichen "Vororte" (Band de las Rosas) von Vallehermoso und wussten, dort ist eine Straße, da wird man nicht von Fleischfressenden Pflanzen festgehalten.
Dabei, auch das hatten wir ja schon hinter uns: Die Straße durch den Süden von Vallehermoso bindet das Auge an jeder Ecke, immer neue Eindrücke einer großartigen und sehr gepflegten Landschaft gilt es zu verarbeiten. Ich würde mal gern einen ganzen Tag auf diesen wenigen Kilometern verbringen und nur fotografieren. Aber es ist eben Straße, und nichts finden wir schlimmer als nach vielen Kilometern Wanderung Straße latschen zu müssen.
Aber von diesen schönen Dingen im Tal waren wir weit (hoch) weg, kämpften uns weiter durch die Ranken, sahen auch schon mal weit vor uns den Roque de Cano liegen und fanden auch das beschriebene Aussichtplateau.
Das hätte uns noch mehr Freude gemacht, wenn nicht kurz vorher wieder so eine Wanderwege-Ausschilderungs-Geniestreich-Stelle zu passieren gewesen wäre.
Wie das weiter geht.......gleich