Hier nun der vierte Teil. Ich wünsch euch viel Freude beim Lesen.
Alto de Garajonay
Heute wollen wir es auf die Spitze treiben: Alto de Garajonay, 1487 Meter über dem Meer, höchster Punkt Gomeras. Und da wir im Urlaub nicht gerade zu den Frühaufstehern gehören, müssen wir uns jetzt ein wenig sputen. Frühstück in aller Ruhe und Genuss muss daher heute leider ausfallen. Außerdem sind wir Verfechter der These: Wer spät aufbricht, trifft umso weniger Leute! Selten beginnen wir unsere Touren vor Mittag. Das hat den Vorteil, dass man den Konkurrenten um das ungestörte Naturerlebnis, sprich den Wandergruppen, einen uneinholbaren Vorsprung gibt und die Landschaft in aller Ruhe genießen kann. Diese Taktik funktioniert natürlich nicht bei Ganztagestouren und birgt zudem den Nachteil, dass man schon mal in der Mittagshitze laufen muss - wobei diese im Frühjahr auf den Kanaren meist noch wandertauglich ist.
Doch das soll sich ja laut des letzten Wetterberichts, den ich vor unserer Abreise noch erhascht habe, in den nächsten Tagen ändern. Heute ist wohl der Übergangstag, es sind 28 Grad Höchsttemperatur vorhergesagt. Ab morgen soll es ein paar Tage Calima mit locker über 30 Grad geben. Da sich dann das normale Wettergeschehen komplett umdreht und die höchsten Temperaturen in den Bergen herrschen, ist der Garajonay
besser heute angesagt. In den nächsten Tagen dürfte es zu heiß für solche Anstiegswanderungen werden. Außerdem besteht heute, wo der Passat schon abgeflaut ist und keine großen Wolkenbänke mehr über die Insel treibt, eine gute Chance, in den Genuss eines wolkenfreien Gipfels zu kommen. Alles was ich bisher über Calimas gehört habe, macht mich jedenfalls nicht gerade neugierig auf dieses scheinbar recht existentielle Wetterphänomen. Temperaturen von um die 40 Grad auf über 1000 Metern Höhe sind locker drin. Die Nachttemperaturen fallen oft nicht unter die 30 Grad Marke. Das Ganze, begleitet von Fernsicht raubendem Saharastaub in der Luft und backofenartigen, stürmischen Fallwinden, ergibt nicht gerade das erstrebenswerteste Urlaubswetter! Von einer Nachbarinsel weiß ich, dass sie dort den besonders schlimmen Calimas Namen geben. Einer hieß der “Ziegenenthörner“! Vor einem Wetterphänomen, das zu solch Namensgebungen inspiriert, habe ich auf jeden Fall gehörigen Respekt! Nein, bei einem richtigen Calima sollte man nicht wandern.
Zum Glück ist solch schlimmes “Tiempo africano“- so wird dieses Wetter auch genannt - gar nicht vorhergesagt. Trotzdem werden wir aufgrund der zu erwartenden Temperaturen lieber eine verkürzte Variante der Rothertour Nr. 16 gehen. Wir werden die Rundwanderung nicht wie beschrieben in Chipude beginnen, sondern am Forsthaus von Las Tajoras, und da wir nach dem Abstieg vom Garajonay auch nicht über Las Manantiales zurückgehen, sondern schon vorher wieder Richtung Forsthaus abbiegen, verkürzt sich die Strecke um ca. ein Drittel. Das wird etwa 3 Stunden reine Gehzeit und ca. 500 Meter im Aufstieg bedeuten, was angesichts der Wärme machbar erscheint. Die leicht veränderte Route sollte unter Zuhilfenahme des Rother und der Kompass-Wanderkarte keine Orientierungsprobleme bereiten.
Aber erst einmal gilt es den Ausgangspunkt in der Nähe von Chipude zu erreichen. Diesmal biegen wir an der Carretera del Centro Richtung San Sebastian ab. Kurz darauf fahren wir dann rechts Richtung Las Hayas ab. Die Temperaturen sind heute wirklich noch etwas höher als gestern und selbst der Nebelwald scheint bei dieser Witterung nicht mehr in der Lage zu sein, seine sonst so typischen Kondenswolken herauszubilden. Anstatt der Wolken treffen wir aber auf jemand anderes. Eine ca. 60-jährige Gomera steht mitten im Wald am Straßenrand und winkt uns mit einem Strohhut zu. „Du, ich glaub’, die möchte mit uns trampen, wir sollten sie mitnehmen“, merkt Nancy an.
„Na klar, ne alte Dame, die zudem solch lustigen Strohhut trägt, lässt man nicht im Wald stehen“, pflichte ich ihr bei. Ich stoppe den Wagen und frage die Frau, wo sie hin möchte.
„A Chipude“ antwortet sie freundlich lächelnd. Als ich darauf „Bueno, vamos a la Casa de Forestal de Tajoras“ antworte, wird ihr Lächeln noch freundlicher und sie steigt dazu. Durch den Rückspiegel betrachte ich unsere, ob ihres betagten Alters äußerst fidel wirkende Anhalterin. Sie trägt einen wirklich lustigen, kecken Strohhut und hat einen großen Strauss wohl gerade im Wald gepflückter Kräuter bei sich. Von der brennesselähnlichen Pflanze geht sofort ein angenehmer intensiver Wohlgeruch aus. „Mmmh, riecht das lecker“, merkt Nancy erfreut an.
Ich krame in meinen Spanischvokabeln und radebreche, „El olor de la planta es muy bonita“. Die alte Dame schmunzelt ob meiner Aussage hocherfreut und schickt ein herzhaftes „Muchas gracias“ hinterher. Dann beugt sie sich nach vorn und zerreibt wie zur Demonstration einen der Triebe. Sofort wird der frische, sehr angenehme Geruch noch intensiver. „Utilizo la planta para lavar mi pelo”, sagt sie und fasst sich dabei ins Haar. „Dieses Shampoo würde bei uns aber nicht alt werden“, denke ich mir und sauge diesen wohlduftenden, aber unbekannten Geruch ein.
Die Konversation mit dieser alten Dame bringt mir immer mehr Freude und als ich ihre Frage, nach dem was wir heute vorhaben, mit den Worten „vamos a ir al Alto de Garajonay“ beantworte und sie darauf mit einem lang gezogenen, temperamentvollen „ahhh, que boonitaa“ antwortet, wird mir wieder einmal bewusst, wie schön es ist, sich ein wenig in der Sprache des Gastgeberlandes verständigen zu können.
Kurz darauf verlassen wir den Nebelwald und kommen in die landwirtschaftlich geprägte Region, die im Süden an den Nationalpark anschließt. Lieblich wirkende Terrassenkulturen künden von der Fruchtbarkeit dieser vom milden Klima der Hochebene profitierenden Landschaft.
Idyllische Dörfer und Weiler reihen sich aneinander und werden alle namentlich und lautstark von unserer netten Mitfahrerin vorgestellt.
Am Ortsausgang von Chipude heißt es dann Abschied zu nehmen von unserer Tramperin, denn hier wohnt sie. Mit einem herzlichen „Adios“ und „Muchas gracias“ werden wir von dieser freundlichen alten Dame verabschiedet. Im Rückspiegel sehe ich noch, wie sie uns mit ihrem lustigen Sonnenhut nachwinkt, und ich denke mir „was für eine nette Frau!“ Wie ich überhaupt sagen muss, dass ich die meisten Gomeros ausgesprochen angenehm fand, noch einen Tick freundlicher und aufgeschlossener als die Palmeros – und die mochten wir auch. Vielleicht lag es ja einfach daran, dass ich mich in diesem Urlaub mehr getraut hab Spanisch zu sprechen, aber ist mir halt so aufgefallen.
Kurz darauf erreichen wir den Ausgangspunkt unserer Wanderung, das Forsthaus von „Las Tajoras“. Hier stellen wir den Wagen ab und brechen zu unserem „Gipfelsturm“ auf. Zuerst gehen wir ein kurzes Stück auf der Hauptstraße zurück. Danach halten wir uns links und gehen auf der Nebenstraße in den Barranco de Erque hinab. Schon nach kurzer Gehstrecke in der relativ windgeschützten Schlucht bemerken wir, dass es spürbar wärmer wird. Oben auf dem Hochplateau wehte wenigstens noch eine leichte Brise, hier ist davon gar nichts mehr zu spüren. Und als ich kurz darauf am Einstieg zum GR 131 auf den relativ steil wirkenden Anstiegsweg blicke, und uns zu allem Überfluss noch ein völlig verschwitztes, entkräftet aussehendes, ca. 60-jähriges Pärchen entgegenkommt, frage ich mich, ob unsere Wandermaxime des späten Aufbruchs nicht doch einer Überprüfung bedarf. Aber schon nach wenigen Minuten finden wir unseren Rhythmus und auch der Camino entpuppt sich als eher sanft ansteigender Höhenweg. Und dieser zieht uns sofort in seinen Bann! Er führt in schöner Hangquerung direkt an der Abbruchkante des Barranco de Erque entlang, der vielleicht gewaltigsten und beeindruckendsten Schlucht Gomeras. Gesäumt wird dieser schöne Weg, der knapp unterhalb der Baumgrenze verläuft, von einer unglaublichen Vielfalt an Trockenvegetation. „Im Rausch der Farben“, denke ich mir, nicht mehr wissend, wo ich zuerst hinblicken soll, ob der Fülle an Wiesenblumen in allen erdenklichen Farben und der üppig blühenden Büsche. Nach kurzer Gehzeit erreichen wir einen traumhaften, an ein paar Gumpen gelegenen Rast-und Aussichtsplatz. Eigentlich ist es noch zu früh für eine Pause, aber dieser Ort besitzt eine solch große Ausstrahlung, dass es keiner Konversation bedarf: Wortlos entscheiden wir, eine kleine Rast einzulegen, um dieses Panorama auf uns einwirken zu lassen. Ich gehe direkt zur Abbruchkannte des Barrancos und blicke aus schwindelerregender Höhe in diesen wirklich gewaltigen Canyon hinab. Ganz klein, als würde es nur aus Spielzeughäusern bestehen, erkenne ich Erque, das Dorf am Grund der Schlucht. Richtung Süden, auf einem kargen Höhenrücken gelegen, sehe ich La Dama und seine großen, unter Plastikplanen versteckten Bananenplantagen. Dahinter ist dann nur noch die endlose Weite des Atlantiks auszumachen. Eine ganze Welt in Blau!
Diese bezaubernden Ausblicke werden allerdings noch übertroffen von der Sicht, die man auf die Fortaleza hat. Seit ich vor vielen Jahren eine Dokumentation über die „Tepuis“, die Tafelberge im Venezolanisch-Brasilianischen Grenzgebiet gesehen habe, bin ich Fan dieser Gebirgsform. Wie gigantische Inseln erheben sich diese oft wolkenverhangenen, bis zu 3000 Meter hohen, fast senkrecht aufsteigenden Tafelberge aus dem südamerikanischen Urwald. Jeder ein Kontinent für sich, umgeben von einem grünen Meer. Jeder Herberge für zig endemische Pflanzen und Tiere. Kaum betreten und kaum erforscht.
Man kann die Fortaleza natürlich nicht mit diesen Giganten unter den Tafelbergen vergleichen – sie würde sich wie ein Zwerg ausnehmen – aber trotzdem war ich etwas gespannt auf den nicht unbedingt höchsten, dafür wohl berühmtesten Berg Gomeras. Außerhalb der Barrancos ist er eigentlich im ganzen Südwesten der Insel zu sehen und fast schon so etwas wie eine Landmarke dieser Region. Aber den schönsten und beeindruckendsten Ausblick auf die Fortaleza hat man wohl wirklich von hier. Fast senkrecht und stark zerklüftet fällt die Ostflanke des Tafelbergs in den Barranco de Erque ab. Sechshundert Meter nackter, mächtiger Fels - wobei die eigentliche Kuppe des Tafelbergs fast wie ausgepresst wirkt, als hätte ein Riese die Fortaleza aus dem Grundfels der Insel herausgepresst. Mich hat dieser Berg auf jeden Fall in seinen Bann geschlagen und ich ärgere mich schon ein wenig, dass wir ihn nicht erklommen haben. Die Tour hinauf ist im Rother zwar als schwarze Tour mit einer kurzen Kletterpassage ausgezeichnet, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich diesen Weg trotz meines leichten Höhenschwindels gemeistert hätte. Und dort oben zu sein, während die Passatwolken über die Hochfläche ziehen, stelle ich mir einfach toll vor. Wohl kalt und windig, aber schön. Na ja, vielleicht nächstes mal!
Lee im Wanderrausch
Ausblick auf die Fortaleza
Blumenpracht und Tafelberg
Aber für heute heißt es sich loszureißen von diesem fantastischen Ausblick, denn wir wollen ja noch höher hinaus. Nach ca. 30 Minuten verlässt der schöne Höhenweg, der für uns zu den Top-Tourenabschnitten auf Gomera gehörte, den Rand des Barrancos, um danach durch verwilderte, blumenbestandene Terrassenfelder hinauf nach Igualero zu führen. Hier im höchstgelegen Dorf der Insel meldet sich angenehmerweise auch die kleine erfrischende Brise von vorhin zurück Aus dem Dorf heraus führt der Weg durch einen kleinen, herrlich duftenden Kiefernwald weiter bergauf. Ich liebe den würzigen, leicht rauchigen Geruch der Kanarenkiefer. Müsste ich den mir vertrautesten Geruch der Inseln beschreiben, so würde ich diesen intensiven Duft nennen. Nach unserem letzten Kanarenurlaub hatte ich ein paar Kleidungsstücke vergessen zu waschen. Sie fielen mir ca. 2 Wochen später in die Hände und lösten eine heftige Sehnsuchtsattacke aus, da sie den Kieferngeruch des Holzdaches und der Fenster- und Türrahmen des über 100 Jahre alten Hauses angenommen hatten, in dem wir untergebracht waren. Spätestens seit diesem Moment löst der Geruch dieses Baumes immer wieder ein intensives Wohlbefinden in mir aus. Nancy transportiert immer Pflanzensamen mit zurück - vielleicht sollte ich mir ja einfach mal einen Scheit dieses Holzes mit nach Hause nehmen.
Aber zumindest für heute dürfte meine Tagesration dieses würzigen Wohlgeruchs gesichert sein, denn für eine ganze Weile führt der recht steile Weg durch den lichten, schönen Kiefernwald weiter bergan. Und auch eine andere, auf Gomera leider recht selten vorkommende Pflanze ist in diesem Bergwald anzutreffen: Der im Frühsommer leuchtend-gelb blühende Cordesobusch sorgt für farbliche Kontraste. Nach einer Viertelstunde verlassen wir den Kiefernwald und gelangen zu einer Forststraße, auf der wir weiter Richtung Gipfel wandern. Mit zunehmender Höhe verändert sich immer mehr die Vegetation und schon bald lassen wir die letzten, vereinzelten Kiefern hinter uns und treten in die Buschwaldzone ein, die sich bis zum Gipfel des Garajonay hinaufzieht. Nach einer halben Stunde entspannten Wanderns auf dem sanft ansteigenden Forstweg erreichen wir die Kuppe des Garajonay, denn von einem Gipfel im eigentlichen Sinne kann man bei der höchsten Erhebung Gomeras nicht sprechen. Der dichte Buschwald reicht bis an das abgeflachte Gipfelplateau heran und würde, wenn er nicht gerodet worden wäre, wohl selbst dieses bedecken.
Dann betreten wir den von einer schönen Natursteinmauer eingefassten kreisrunden Platz und realisieren sofort, dass wir den Alto de Garajonay fast allein für uns haben. Nur zwei andere Wanderer weilen hier oben - und auch die sollten nach ein paar Minuten gehen - was für ein Glück. Ein Hoch auf unsere Wandermaxime!
Langsam, Stück für Stück, erschließt sich uns das großartige Panorama. Der Gipfel ist wie erwartet Wolkenfrei - der Passat abgeflaut - und obwohl die Luft relativ diesig ist, sind die Nachbarinseln ganz gut zu erkennen. Der Gipfel des Teide ragt wie eine gigantische Pyramide aus dem Dunst, der sich über dem Meer befindet, hervor. Nordwestlich davon erkennt man La Palma, das fast aus zwei Inseln zu bestehen scheint. Südwestlich von Gomera gelegen ist El Hierro, die kleinste der Kanaren, auszumachen. Und direkt unter uns, im Norden Gomeras, erstreckt sich El Cedro, der ursprünglichste Lorbeerwald der Kanaren. Auch ein Paar der Roques sind von hier oben aus, allerdings recht klein, auszumachen, und nur ihre Gipfel ragen, fast schon vorwitzig aus dem Blätterdach des Nebelwaldes hervor. Und als wir uns umdrehen, erblicken wir die kargen, trockenen Höhenrücken des Südens und natürlich die Fortaleza, die auch von hier, obwohl aus dieser Höhe merklich geschrumpft, beeindruckend aussieht.
Das ist ja der Gipfel!
Wir bleiben ca. 40 Minuten auf der Gipfelkuppe und machen eine ausführliche Brotzeit, die durch nichts und niemanden gestört wird. Zudem ist heute einer dieser Tage, wo ich die Gipfelrast total entspannt genießen kann. Auf manchen Wanderungen realisiere ich erst nach dem Aufstieg, dass mich etwas zu sehr umtreibt, dass ich nicht wirklich loslassen kann. Aber heute ruhe ich glücklicherweise in mir selbst und auch Nancy scheint es ähnlich zu ergehen, denn auch sie wirkt total relaxt. Dann heißt es Abschied zu nehmen von Gomeras höchster Erhebung, die der beste Beweis dafür ist, dass es nicht immer alpiner Höhen und atemberaubender Tiefblicke bedarf, um einen schönen Ausblick zu haben.
Zuerst gehen wir auf dem gleichen Forstweg wieder zurück und halten uns später Richtung Chipude. Der Weg führt etwa eine halbe Stunde durch den Buschwald bergab und kreuzt immer wieder andere Forstwege, bis er zu einer Stelle gelangt, wo ein hohlwegartiger Camino beginnt. Wir halten uns hier links von diesem Camino und nehmen den Forstweg, der uns überraschend schnell zum Ausgangspunkt unserer Tour führt. Beim Auto angekommen unterliegen wir beide dem gleichen Reflex: Bloß raus aus den Wanderschuhen! Was für eine Wohltat – Freiheit für die Füße! „Was für ein Tag und was für eine tolle Tour“, seufzt Nancy. „Ja, das war ein Traum!“, pflichte ich ihr bei. „Und gar nicht so anstrengend. Die lange Pause tat echt gut. Ich könnt glatt noch eine kleine Autowanderung dranhängen, naaa wie schauts aus“, hakt Nancy etwas überraschend und herausfordernd nach. „Gebongt! La Dama, oder?“ „Si Senor.“
Kurz darauf sitzen wir wieder im Auto und fahren Richtung Süden. In Chipude biegen wir Richtung La Dama ab und gelangen in eine karge, von aufgegebenen Terrassenfeldern geprägte Landschaft. Der Einfluss der Passatwinde scheint hier bereits deutlich schwächer ausgeprägt zu sein und es ist merklich trockener. Gut möglich, dass in vorspanischer Zeit hier noch trockenresistente Kiefernwälder Feuchtigkeit aus den Winden gekämmt haben, aber von den ersten Siedlern zugunsten der jetzt aufgegebenen Terrassen abgeholzt wurden. Aber auch diese jetzt karge, auf einem Höhenrücken zwischen zwei gewaltigen Barrancos gelegene Landschaft, hat ihren ganz eigenen, spröden Reiz. Die Nachmittagssonne taucht die Landschaft in ein warmes, kontrastreiches Licht. Das Hitzeflimmern, das sich unter der starken Sonneneinstrahlung gebildet hat, scheint mit den in allen Brauntönen changierenden Hängen zu verschmelzen. Der noch einmal aufgefrischte Wind fährt durch das verwilderte Getreide und treibt flüchtige Wolkenschatten über die Terrassenfelder. Alles ist in Bewegung, alles in Fluss. Die Terrassen scheinen sich zu verflüssigen, werden zu Wellen und rollen zu Tal, ja der ganze Höhenrücken scheint in Bewegung geraten, als strebe er dem Atlantik zu. Ich greife instinktiv nach dem Fotoapparat – und jemand anderes nach meinem Arm. „Lass es! Das kannst du nicht fotografieren“, merkt Nancy an. Wie wahr! Aber wenn ich die Augen schließe, kann ich sie noch immer sehen, die Dünung der Terrassenfelder von La Dama!
Wir fahren weiter Richtung Süden. Immer wieder bietet die sanft in Serpentinen hinab mäandernde Strasse reizvolle Haltepunkte, die fantastische Ausblicke in den gewaltigen Barranco de Erque gewähren. In jeder Kurve scheint sich eine neue, reizvolle Perspektive dieser spektakulären Schlucht aufzutun. Und dann taucht La Dama, mit seinen wie von Christo in Plastikplanen gehüllten Bananenplantagen auf und es stellt sich sofort die Frage: Wieso hier? Warum werden gerade hier, in dieser abgeschiedenen, knochentrocken Region Bananen - und dann noch so viele - angebaut? Haben die hier eigene Quellen oder wird das Wasser über Leitungen vom Inselnorden extra hierhin transportiert? Keine
Ahnung, aber es ist ein merkwürdiger Ort an ungewöhnlicher Stelle! Im Dorf angekommen, stellen wir beide fest, dass dieses Pueblo nicht unbedingt reizvoll ist und fahren weiter Richtung La Rajita, einer aufgegebenen Fischfabrik, die unten am Meer liegen soll. Als wir den Rand der Schlucht erreichen und die Strasse, die zum Meer hinunterführt, erblicken, ist die Entscheidung sofort gefallen. Diese schlaglochverseuchte Piste werden wir unserem Mietwagen nicht zumuten. Wir steigen aus, blicken die Steilküste und den steilen Weg hinab – und wägen ab. Die Küste sieht ganz nett aus, doch wir haben auf den Kanaren schon weitaus beeindruckendere und vor allem schönere Steilküsten gesehen. Allerdings wird die ganze Szenerie von dort unten wohl deutlich interessanter aussehen und die alte, verfallene Fischfabrik bestimmt einen herben, morbiden Charme verbreiten. Die Fotos, die ich davon gesehen habe, sahen zumindest reizvoll aus. Aber zu Fuß da runter? Wir müssen ja auch wieder rauf! „Never“, lautet unser gemeinsames Urteil, wir haben uns heute bereits genug bewegt. Trotzdem Schade, denn solch Abrissbauten und dann noch an Steilküsten haben meist was. Wieder so ein Fall für „Nächstes mal“.
Barranco de Erque
Danach machen wir uns auf den Rückweg und geben, da unsere Mägen starkes Interesse an baldiger Nahrungsaufnahme signalisieren, etwas Gas. Die Worte „Las Brisas“ und „bald“scheinen unsere knurrenden Eingeweide fürs erste zu besänftigen. Als wir dann etwa eine Stunde später das Restaurant am Playa von Alojera erreichen, müssen wir leider feststellen, dass Dienstags Ruhetag ist und da auch das Prisma noch immer geschlossen hat, heißt es nicht lecker Fischessen sondern wieder Nudeln Zuhause und auf die Schnelle. So ein Mist! Aber was soll’s, auch die schmecken mindestens zwei Tage hintereinander, wenn man dabei in den Genuss dieses Meeresblicks kommt. Außerdem macht sich der Calima langsam bemerkbar, denn es bleibt sehr warm, obwohl es längst Abend geworden ist. Manchmal fährt gar ein recht heißer Fallwind, der von der Hochebene herabkommt, durch die Palmenhaine. „T-Shirt Nacht“ murmele ich zufrieden vor mich hin. „Aber nicht für mich, ich bin platt und geh noch ein bisschen lesen, sorry“, erwidert Nancy. „Schade“, denke ich mir, doch dann fällt mir ein, dass ich ja eigentlich noch eine Verabredung habe. Ich gehe in die Küche, greife mir das mitgebrachte Tapedeck, einen Tonträger meiner Wahl, eine Flasche Dorada und trage alles zur Stirnseite des Hauses. Hier befindet sich, die ganz klassisch zwischen zwei Palmen befestigte Hängematte. Dann schließe ich das Tapedeck an der Außensteckdose an und drücke auf „Play“. Ein paar Sekunden ertönt ein warmes Knistern, als würde hier ein Lagerfeuer brennen, und dann vernehme ich die Stimme des Meisters der coolen laidback Musik, J.J. Cale, Mr. Hängematte himself. Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, dass seine kleinen, entspannten Perlen für den Zustand des „in der Hängematteliegens“ geschrieben worden sind, dass selbige der beste Ort wäre, um seine Musik zu genießen. Und hier und heute kann ich jetzt endlich den Beweiß für mich antreten. Ich nehme also mein Bierchen, lege mich in die Hängematte und stoße mich sanft ab. Langsam fängt die Matte an zu schaukeln. Zuerst recht asynchron zur Musik. Aber dann beginnt sie sich Takt für Takt einzugrooven und kurz darauf bemerke ich, wie sich in mir dieses unglaubliche, entspannte Gefühl ausbreitet. Die Hängematte, J.J. und ich sollten in diesem Urlaub noch ganz dicke Freunde werden.
Für Interessierte:
http://de.wikipedia.org/wiki/Tepui