gomeracafe

das Forum rund um die Kanareninsel La Gomera
Aktuelle Zeit: 08.01.2009, 05:07

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 41 Beiträge ]  Gehe zu Seite 1, 2, 3  Nächste
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Gomera-primera vez
BeitragVerfasst: 08.07.2007, 20:28 
Offline

Registriert: 08.01.2007, 00:20
Beiträge: 0
Nach den schönen Reiseberichten, die hier in der letzten Zeit veröffentlicht wurden, versuche ich mich jetzt auch mal daran.

Zwischen den Welten


Bild
Alojera am Abend

Um 7 Uhr morgens gebe ich auf. Wie immer vor Reisen habe ich vor Aufregung kaum schlafen können. Ich mache mir einen Kaffee und schalte den Rechner noch mal an, um einen letzten Reisewetterbericht zu erhaschen. Böiger Wind zwischen 60 und 90 km/h, nicht besonders warm, und dann aber in ein paar Tagen wohl Calima mit Temperaturen über 30 Grad. „Keep Cool, Lee“, sage ich zu mir, „wird schon nicht so schlimm werden“. Den Calima gilt es aber wandermässig einzuplanen.

Um 10 Uhr läutet es pünktlich an der Tür, das Taxi ist da, um uns abzuholen. Der Kutscher fährt los und nimmt dabei eine etwas unübliche Route. Argwohn regt sich in mir und ich flüstere meiner Freundin zu: „Wenn er jetzt noch mal rechts abbiegt sind wir fast im Kreis gefahren!“ Nancy seufzt nur leise und antwortet: „Eh, komm’ ist Urlaub!“ „Ist Urlaub“ murmele ich wiederholend vor mich hin und lasse den Taxifahrer seine kleine Ehrenrunde drehen. Wäre ja auch irgendwie absurd, sich wegen eines kleinen Schlenkers aufzuregen, wenn man gerade 3 Wochen Gomera in Aussicht hat.

Check-In: Das 20-minütige Schlangestehen ertragen wir gelassen mit der süßen Gewissheit für Großes anzustehen. Start: Ruhig und nur unter minimalsten Schwankungen hebt die Maschine ab. Und Pünktlich! Was uns schon mal die Chance auf die 17.30 Olsen erhält.
Flug: Nach einer Viertelstunde merke ich, Mann, ist das frisch hier. Ich friere noch nicht, da ich den Klimaanlagen misstraue, und zum Glück meinen dünnen Rollkragenpulli trage. Aber viele andere Passagiere, für die der erste Beachtag wohl schon im Flieger beginnt und die in kurzen Hosen ihren Flug angetreten haben, fangen an zu murren. Und es wird immer kälter!
Schon bald sind die Düsen nur noch damit beschäftigt Decken auszugeben. Amüsiert beobachte ich, dass nach kurzer Zeit einige Passagiere in Decken eingekuschelt sind und das ganze mittlerweile eher an eine Skireise als an einen Kanarenflug erinnert. Da wusste ich aber noch nicht, dass uns auch auf Gomera teilweise Wolldeckenwetter erwarten sollte. Nach einer Stunde beginnt es jetzt endlich warm zu werden im Flieger und das Personal versucht den vorherigen kleinen Fauxpas durch Nonstop-Catering auszugleichen. Bis Teneriffa kommt man aus dem Essen und Trinken praktisch nicht mehr heraus und es stellt sich keine große Fluglangeweile mehr ein. Gehoben wird unsere Laune zudem durch die verfrühte Ankunftszeit: 20 Minuten früher! Da haben wir wohl mächtig - den Passatwinden sei gedankt - Rückenwind gehabt. Die Olsen wird immer wahrscheinlicher. Wenn die an der Gepäckausgabe nicht noch trödeln, können wir die späte Fähre vermeiden. Und Wunder, oh Wunder, das spanische Bodenpersonal ist heute echt in Rekordlaune. Unglaublich, kaum sind wir am Rollband, da taucht schon unser Gepäck auf! Weltrekord! Das läuft ja bisher wie am Schnürchen.
An die darauf folgende Taxifahrt durch Teneriffas Süden kann ich mich kaum erinnern. Mein erster flüchtiger Eindruck sagt mir, „ist ja gar nicht sooo schlimm hier“. Ein Urteil, das ich am Rückreisetag gründlich revidieren sollte.

Bei gutem Wetter und ruhiger See betreten wir dann die Olsen-Fähre. Schon nach kurzer Fahrstrecke wird mir klar, dass es bei diesem Wellengang kein Drama ist, das ich keine Reisetabletten gekauft habe. Puh, die Fische werden heute wohl auf ihren Nachtisch verzichten müssen. Wir stellen uns aufs Achterdeck und bleiben solange im Fahrtwind stehen wie es unsere bald tränenden Augen zulassen. Mit dem Schiff das Urlaubziel zu erreichen, hat wirklich eine eigene Intensität, der wir uns nicht entziehen können. Langsam, trotz des hohen Tempos der Expressfähre, nähern wir uns La Gomera, und immer mächtiger erhebt sich der gewaltige Felsblock mit seinen abweisenden Steilküsten vor uns. Nur die gut zu erkennende Passathaube, die die Insel trägt, verleiht dieser Felsenburg etwas Einladendes.

Ich merke jetzt, wie das Reisefieber mich immer mehr packt, und dann laufen wir auch schon in den Hafen von San Sebastian ein. Die Stadt empfängt uns mit milden Temperaturen, Sonnenschein und der unaufgeregten Stimmung einer Mini-Capitole in der Nebensaison.
Ich denke mir, die Leute winken hier zwar nicht zur Begrüßung, aber so stelle ich mir ein „warm welcome“ vor .Winken tut dann allerdings die nette Dame von der Autovermietung als sie merkt, dass wir auf sie und ihr gemaltes Namensschild zugehen. Kurz und präzise erläutert sie die zu beachtenden Details zum Mietwagen und mit dem Hinweis, dass wir, weil es Nebensaison wäre, ein praktisch neues Auto bekämen, entlässt sie uns auf unsere erste Inseltour. Diese wird dann schon nach wenigen Hundert Metern abrupt unterbrochen. Großeinkauf!

Die Antworten von einigen netten Foristen auf meine Nachfrage nach Einkaufsmöglichkeiten auf der Insel bewegen uns zu einem sofortigen Hypertrebol-Besuch. Nicht gerade die schönste erste Sightseeing-Station, aber angebracht, wie uns die späteren Supermercado-Besuche zeigen sollten, denn die Einkaufsmöglichkeiten auf der Insel kann man keinesfalls mit mitteleuropäischen vergleichen. Auch auf den anderen Kanareninseln, El Hierro mal ausgenommen, dürfte die Auswahl deutlich größer sein.
Wie in Trance wandeln wir durch den Hypermercado und langsam füllt sich unser Einkaufswagen mit vertrauten Kanarenlebensmitteln, wie dem leckeren Schneckenkaffee oder unser Lieblingsmojo. Auch Miel de la Palma aus Alojera, unserem Basislager auf Gomera, wird gekauft und von da an unser Frühstück versüßen.
An der großen Fleisch- und Käsetheke verweile ich länger, um das Angebot an Manchego und Chorizo zu sondieren. Von hinten kommen immer wieder neue Kunden an die Theke und geben ihre Bestellungen auf. Als ich dann innerlich meine Auswahl getroffen habe und bestellen will, werden immer wieder Gomeros, die später gekommen sind, vor mir bedient. Schüchtern blicke ich die Verkäuferin an, um ihr diskret zu verstehen zu geben, dass ich jetzt langsam an der Reihe wäre. Stoisch, meine Blicke ignorierend, bedient sie erstmal eine weitere Spanierin, die ihr etwas zu übereichen scheint. Mir schießen spontan verschiedenste Gedanken durch den Kopf, wie z.B., bin ich jetzt hier gerade ein Opfer von Rassismus gegenüber Deutschen? Einige deutsche Residenten und Touristen hatten mir davon erzählt, dass sie in Supermercados erst bedient oder abkassiert worden waren, als kein Kanario mehr darum anstand. Mir selbst war dergleichen noch nie passiert. Aber wer weiß, bin ja schließlich auch ein Cabeza Cuadrada. Dann plötzlich fragt mich die Verkäuferin lächelnd: „Tiene un numero?“ Was für eine Nummer meint sie denn. „Que numero?“ frage ich sie. Sie deutet als Antwort nur auf eine kleine Abreißrolle, die mich spontan an deutsche Ämtergänge erinnert, und ich verstehe. Fremde Länder, fremde Sitten! Ein Stein fällt mir vom Herzen und alles löst sich in Wohlgefallen auf. Alle, die mittlerweile Nummern gezogen haben, bitten mich lächelnd vor und ich werde äußerst freundlich bedient. Nach etwa einer Stunde verlassen wir etwas geschafft den Laden mit einem Monstereinkauf und machen uns auf unsere erste Inselquerung.

Sofort beginnen die angekündigten Serpentinen und führen uns hinauf in eine karge, kontrastarme Landschaft. „Nicht so prickelnd hier“, entweicht es mir und ich frage mich kurz, ob ich mir im Zuge meiner Recherche nicht schon zu viele Inselfotos angeschaut habe und etwas abgestumpft gegenüber den landschaftlichen Reizen bin. Doch dann nähern wir uns der Degollada de Peraza und die Insel „greift“ zum ersten Mal nach mir. „Wow, was für Barrancos, gigantisch!“ Ich bekomme eine leichte Gänsehaut und wir halten kurz an, um diese gewaltigen Schluchten auf uns einwirken zu lassen. Nach einer kurzen Pause geht es weiter und ich merke, wie mich die Lust aufs Autofahren trotz des schon lang dauernden Anreistages immer mehr packt. Bald passieren wir den Roque Agando, der sich hinter einer dünnen Bewölkung verbirgt aber trotzdem seine Größe erahnen lässt. Dann fahren wir das erste Mal in den Garajonay- Nationalpark hinein und der Wald umschließt uns schnell und gibt nur noch wenig Blicke über die Insel frei. „Wie ein Toupet!“ entfährt es mir „Wie, was meinst Du damit?“ fragt Nancy zurück. „Der Wald bedeckt die karge Insel wie ein Toupet.“ „Na, mir scheint das alles echt zu sein hier. Und die Insel trägt, finde ich, eine echt coole Frisur.“ „Aber wenn wir das erste Mal im Wald sind, ziehen wir mal dran, abgemacht?“ setze ich noch mal nach. „Abgemacht! Aber lass den Nationalpark heil.“
Danach beginnt sich die Fahrt etwas zu ziehen. Wir durchfahren Kurve um Kurve und Weitblicke über die Insel gibt die Streckenführung auch nicht mehr her. Dafür bemerken wir immer mehr die Blumenpracht, die am Wegesrand wächst und meiner Freundin einige Male Seufzer entlockt. Selbst ich, der sich bisher eigentlich immer mehr an Höhen-, Tal- und Meeresblicken erquicken konnte, sollte im Verlauf der Reise noch öfter sowas wie, „was für eine Blumenpracht“ oder „da könnte man ja glatt das Gärtnern anfangen“ vor mich hinmurmeln.

Nun ändert sich das Wetter plötzlich, starke Windböen fegen durch den Wald und wir fahren in ein dichtes Wolkenband hinein. Als die Straße in einen felsigen Taleinschnitt hinab führt, verdichtet sich die Suppe, und mehr und mehr gleichen die Bäume jetzt schemenhaften Gestalten. „Abgefahren!“ entweicht es mir. Dieses Wort sollte ich in den nächsten 3 Wochen noch öfter gebrauchen. Plötzlich taucht vor uns das Ausflugslokal „Chorros de Epina“ unvermittelt aus dem Nebel auf. „Dann kann die Abzweigung nach Alojera nicht mehr weit sein“ warnt mich meine Freundin, über der Karte sitzend, vor. Eine glatte Untertreibung! Ein paar Meter weiter mache ich im Nebel eine Vollbremsung, da der Abbieger in einer schlecht einsehbaren Kurve liegt. Der Wagen rutscht kurz, kommt dann aber zum stehen. „Keep cool, soll ich Dich mal ablösen?“ fragt mich meine Freundin beruhigend. „Nee, geht schon, war aber wohl doch ein langer Tag.“ Dann setze ich den Wagen zurück und wir gehen die letzte Etappe an. Der Wind wird nun wieder stärker und schafft es zum Teil, die dichte Wolkendecke aufzureißen. Plötzlich habe ich einen kurzen Moment freie Sicht, blicke in ein tief liegendes Tal herab und sehe die Abendsonne silbrig auf dem Meer glänzen. Unten in Meeresnähe sieht man einen kleinen Ort. „Du, ich glaube ich hab eben Alojera gesehen. Mann, geht das hier neben mir bergab.“ „Auf meiner Seite geht’s auch bestimmt 500 Meter runter. Sieht fantastisch aus. Das muss das Tal von Vallehermoso sein.“ergänzt Nancy.
Ein kurzer Schauer jagt mir den Rücken herunter als ich realisiere, dass wir wohl gerade einen schmalen Grat überfahren, der kaum breiter als die Straße sein kann. Dieser kurze Adrenalinausstoß macht mich wieder vollends wach und ich genieße von da an die serpentinenreiche Abfahrt. Bald nehmen die Wolken ab und mehr und mehr erblicken wir das Tal, das uns für die nächsten 3 Wochen ein Zuhause sein sollte. Kurz nachdem wir einen kleinen Bergrücken mit zwei sich in der starken Brise drehenden Windrädern umkurvt haben, erblicken wir zum ersten Mal die beeindruckenden, dunkel und schroff aufragenden Gallionsberge, die so etwas wie unsere Hausberge werden sollten. „Wow“ sagen wir fast unisono. Und überall Palmen am Wegesrand. Schnell verstehen wir, warum Alojera in Reiseführern gern als Palmenoase bezeichnet wird. Dann endlich, es beginnt schon zu dämmern, erreichen wir den Ort und sehen auch das erste Schild, das uns den Weg zu unserem Vermieter weist.
An einer kleinen Plaza winden wir uns in einen der wenigen Parkplätze, steigen aus und werden aufs heftigste vom „Blanken Hans“, der hier wohl das Empfangskomitee gibt, begrüßt.
Die Autotür weht meiner Freundin mit voller Wucht in die Schulter. „Aua, nette Begrüßung!“ schreit sie auf. Was für ein Wind und was für ein Sound, denke ich mir.
Im ganzen Ort neigen sich die Palmen unter lautem Rascheln in den Böen und einige Hunde fühlen sich durch den Wind wohl an ihre Wolfsgene erinnert und heulen mit dem Sturm. Es ist echt ungemütlich. Wir ziehen sofort unsere Windjacken an und gehen einen kleinen Seitenweg zu unserem Vermieter. Auf halber Strecke begrüßt uns ein kleiner süßer, schwarzweiß gefleckter Perro freundlich und geleitet uns zielsicher zu unserem Vermieter. Der freundliche Hund stellt sich dann auch als der Perro unseres ebenso freundlichen Vermieters heraus und ich frage mich kurz, ob der kleine Racker jeden neuen Gast zu seinem Herrchen führt.

Mit meinem erlernten „Volkshochschul-Spanisch“ stelle ich uns kurz als die neuen „huespedes“vor und wir werden daraufhin herzlich begrüßt und mit einer Flasche Wein bedacht. Worauf dann aber gleich der erste Wermutstropfen folgt, als uns verkündet wird, dass unser Haus noch eine Nacht belegt sei und wir im benachbarten Appartement nächtigen müssten.
Ein kurzer Argwohn regt sich und ich denke mir, „das hätte er uns ja auch mal mailen können“, aber dann erinnere ich mich an die Beschreibung des Terassenwegs, der zu unserem Haus führt, zähle Tageszeit, Dunkelheit und Schwere unseres Gepäcks zusammen und höre mich
sagen „De acuerdo, no problema, estamos en vacaciones.“ Wir gehen dann noch kurz zum Auto zurück und holen einen Teil unseres Einkaufes, um noch ein Abendbrot einnehmen zu können. Auch ein paar wichtige Dinge um die Abend- und Morgentoilette erledigen zu können, finden noch den Weg in das Appartement, das direkt neben dem Haus des Vermieters liegt. Nachdem wir mit unserem Vermieter abgemacht haben, dass er uns mittags abholt und zu unserem Haus bringt, verabschiedet sich dieser, eine „Gute Nacht“ wünschend von uns.
Wie auf Verabredung stürzen wir uns sofort auf unsere Einkaufstüten. Hunger! Schnell ist der Tisch gedeckt und wir verputzen auch schon unser erstes spanisches Abendbrot auf Gomera. Lecker! Nach dem Essen überkommt uns sofort Müdigkeit und die Aufgedrehtheit des Reisens, die uns wach gehalten hat, weicht schlagartig einem großen Schlafbedürfnis. Jetzt noch ein Feierabendbier auf der Terrasse und dann ab in die Falle. Ich schnappe mir eine Dorada, mache die Tür auf und stolpere fast über den kleinen Perro, der auf der Fußmatte liegt. „Komm doch rein Perro, ich geb´ Dir auch ein Bierchen aus“ bitte ich ihn herein. „Ist ja arschkalt hier im Wind.“ Er aber rührt sich nicht von der Stelle und guckt mich nur mit einem Blick an, als wollte er sagen, dass er heute Nacht aufpassen würde und uns nichts geschehen könnte. Beruhigt schließe ich die Tür und trinke mein Bier lieber in unserer windgeschützten Küche. Kurz darauf fallen wir hundemüde ins Bett und schlafen schnell ein.

Bild
Abendlicht auf den Bergen hinter Alojera


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 08.07.2007, 21:34 
:danke: si Señor, so ist La Gomera! Freue mich auf Fortsetzung!


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 08.07.2007, 22:33 
Offline
...nicht mehr so ganz neu hier
...nicht mehr so ganz neu hier

Registriert: 30.04.2007, 21:21
Beiträge: 62
Wohnort: Minga (Bayern)
DANKE - für den Appetizer. ICH WILL SOFORT DAHIN !!! (nicht erst Anfang August)

sky
P.S.: warte sehnsüchtig auf die Fortsetzung des Romans ;-)


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 09.07.2007, 07:51 
Lee, ich habe Gänsehaut! Danke!


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 09.07.2007, 08:00 
Offline
...nicht mehr so ganz neu hier
...nicht mehr so ganz neu hier
Benutzeravatar

Registriert: 18.04.2007, 09:10
Beiträge: 130
Wohnort: Frankfurt/M
Danke Lee. Ich habe es genossen.
Nun bleibe ich hier so lange sitzen, bis es mehr davon gibt. :yawinkle:

_________________
Juanita


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 09.07.2007, 10:38 
WOW, Du bist ja ein echtes Schreibtalent! :respekt_2

Die erste Fahrt über die Insel nach der Ankunft ist doch (immer wieder!) ein echtes Highlight und Aha-Erlebnis!
Mal wird man von warmen Sonnenstrahlen empfangen, die einen die eisigen Temperaturen, in denen man losgeflogen ist, sofort vergessen lassen und man wird mit einem wunderschönen Sonnenuntergang im Valle willkommen geheißen.
Mal kommt man im Dunkeln an und der Cedro verwandelt sich in einen gehemnisvollen und unheimlichen Nebelwald...
Aber spektakulär ist es immer! :rolleyes:

Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung(en)!

Wenn Ihr hier so weitermacht, kriege ich die ganzen Bücher, die ich noch rumliegen habe, ja nie gelesen... :yawinkle:


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 09.07.2007, 12:36 
Offline
...nicht mehr so ganz neu hier
...nicht mehr so ganz neu hier
Benutzeravatar

Registriert: 16.03.2007, 15:09
Beiträge: 149
Danke Lee, war sehr schön das Lesen, mehr, mehr, mehr!!!!
:-D Nemo

_________________
:duckie:


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 12.07.2007, 19:54 
Offline

Registriert: 08.01.2007, 00:20
Beiträge: 0
Vielen Dank, für Euer Lob. Schön, dass es Euch gefallen hat. Ich werd mich mal am nächsten Kapitel versuchen, aber ich kann nichts versprechen..., schaun mir mal.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 18.07.2007, 10:08 
Einfach klasse, Lee, ich kann mich dem Lob nur anschließen! :biggthumpup


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 09.08.2007, 10:45 
Offline

Registriert: 08.01.2007, 00:20
Beiträge: 0
So, der zweite Teil ist fertig. Viel Spass!

Gemischte Aussichten

Nach einer relativ unruhigen, von wirren Reise-Träumen begleiteten Nacht, wache ich auf, schlüpfe schnell in T-Shirt, Hose und Schuhe und gehe sofort zur Haustür, um nach dem Perro und dem Wetter zu schauen. Schade, der Hund ist weg und dabei hätte ich ihn doch gern zum Frühstück eingeladen. Und die Sonne, die den Ort gestern noch in ein so schönes, mildes Abendlicht getaucht hatte, hat sich auch verzogen. Der einzige, der geblieben ist, scheint der „Blanke Hans“ zu sein. Mit unverminderter Kraft fährt er durch die Palmenhaine und verursacht dabei dieses eigentümliche, laute, hölzern anmutende Rascheln der Palmenzweige, das so ganz anders klingt als das der Blätter eines Baumes. „Hoffentlich hat der hier nicht auch Quartier bezogen“ morgenmuffle ich vor mich hin „und zum Frühstück kriegt der auf keinen Fall eine Einladung“. Der Gang auf die Dachterrasse zeigt dann auch, dass an ein Open-Air-Frühstück nicht zu denken ist. Brrrr, ist das kalt und ungemütlich. Und auch der Blick ins Tal und auf´s Meer lässt mich nicht gerade frohlocken. Grau in Grau! Nur der Blick hinauf in die Berge sorgt für etwas Abwechselung, hüllen sich diese doch wenigstens in Dunkelgrau. „Das haben wir so nicht gebucht!“ Aber dann erinnere ich mich an die Wetteronline-Prognose, die ab morgen zumindest Wärme versprach, und fühle mich beruhigt. „Los Lee, duschen, frühstücken und der Tag wird noch dein Freund“, motiviere ich mich selbst und gehe ins Haus zurück, wo es bereits lecker nach Kaffee riecht. Meine Geschmacks- und Geruchsnerven jubilieren als sie Caracol, den Schneckenkaffee erkennen, eines jener Genussmittel, die an bestimmte Orte gebunden sind, und eigentlich nur dort so richtig schmecken. Ich fülle mir einen Becher ein, kippe heiße Milch und etwas Zucker dazu – und genieße. „Na, wie schaut’s heute draußen aus, hat ja ganz schön weiter gestürmt heut’ Nacht“, erkundigt sich Nancy. „Frühstück draußen ist heute nicht, lass uns lieber hier drin decken, ist immer noch so windig und kalt.“ „Aber das kann sich heute ja noch ändern, kennen wir doch von La Palma, da haben wir doch auch manchmal drei Jahreszeiten an einem Tag gehabt“, entgegnet Nancy optimistisch. La Palma! Plötzlich fällt mir auf, dass ich noch gar nicht Ausschau gehalten habe nach der Insel, auf der wir schon drei tolle Urlaube verbracht haben und die uns so ans Herz gewachsen ist. Sofort gehe ich auf die Terrasse und gucke voller Erwartung übers Meer nach Westen. Aber da ist nichts zu sehen als die Wolken, in die sich die Insel hüllt. „Jetzt ist sie eingeschnappt und zeigt uns die kalte Schulter, aber ist ja auch kein Wunder, wenn wir mit der kleineren Schwester fremdgehen“ denke ich mir. Aber ich beschließe, kein schlechtes Gewissen zu haben, denn in meinem Herzen scheint Platz für beide der so unterschiedlichen Schwestern zu sein. Und mit dem Geständnis: „Nur, damit Du es weißt, Gomera ist mehr als nur ein One Night Stand!“ verabschiede ich mich für heute von der schönen Nachbarin und gehe ins Appartement zurück.

Nachdem wir dann ein leckeres und opulentes Frühstück genossen haben, widmen wir uns ausführlich der Morgentoilette, und spätestens nach dem Duschen scheinen dann auch die Lebensgeister endgültig ihre Bettruhe beendet zu haben und bereit für ihr Tagewerk zu sein.
Danach packen wir schnell die wenigen Sachen, die wir gestern noch aus dem Auto geholt haben, zusammen und kurz darauf erscheint auch schon unser Vermieter, um uns zu unserem Haus zu bringen. Nach einer freundlichen Begrüßung und dem allseits beliebten Small Talk über das gegenwärtige Wetter, traue ich mich dann, die bei Vermietern allseits unbeliebte Frage nach dem künftigen Wetter zu stellen. Die Antwort „cambio, seguro“ ist kurz, präzise und will sagen: es wird heiß! Scheinbar reist der „Blanke Hans“ morgen ab. „Adios amigo, wie schade, dass Du gehst, schöne Reise noch“ denke ich mir. Aber da wusste ich noch nicht, dass dieser Typ wohl nur kurz woanders zu tun hatte. Kurz darauf haben wir unsere „Siebensachen“ geschultert und gehen über den kurzen Verbindungsweg zur Plaza, wo unser Auto steht. Geleitet von unserem Vermieter fahren wir eine enge, steile Straße, die in den oberen Ortseil führt, hinauf, wo uns in einer Haarnadelkurve vor einer alten Garage unser zukünftiger Parkplatz zugewiesen wird. „Super, ein eigener, halbwegs ebener Parkplatz!“ jubiliere ich, weil das Aus- und Einparken in diesem extrem steilen Terrain nicht ganz ohne ist. Aber dann wird es kompliziert! Zuerst werden wir die wirklich steile Straße zu einem kleinen, abzweigenden Laternenweg hoch gelotst. Hier zeigt uns unser Vermieter den relativ langen, aber beleuchteten Weg, den wir bei Dunkelheit gehen müssen. Danach werden wir wieder zum Parkplatz unseres Autos geführt, von wo aus einer anderer, kürzerer, dafür aber unbeleuchteter Camino zu unserem Feriendomizil führen soll. Von dort brechen wir schwerst beladen mit unserem Gepäck und einer Armada voller Einkaufstüten Richtung Basislager auf. Die ersten Meter führen auf betoniertem Weg leicht bergauf zu einer kleinen Kuppe, von der man einen ersten Blick auf unser Haus werfen kann. Das restaurierte Natursteinhaus steht wie versprochen in allein stehender Lage zwischen Terrassenfeldern und dürfte auch den angekündigten schönen Meeresblick haben. Wow, das ist ja ein bisschen, die „der Zuckerbaron blickt auf sein Tal herab“-Lage denke ich mir zufrieden. Als ich dann aber auf den Weg, der zum Haus führt, herabblicke, erhält meine Zufriedenheit ihren ersten Dämpfer und ich sage mir, “in Zukunft nicht mehr ohne mein Meindl!“ Schmal und teilweise steil windet sich der unbefestigte Camino den Abhang hinunter. Später geht der Weg dann in einen leicht begehbaren und schönen Terrassenweg über. Einen „150 Meter langen schmalen Fußweg an Terrassenfeldern vorbei“ stelle ich mir anders vor. Zumindest das Wörtchen „steil“ hätte in die Wegbeschreibung noch eingefügt sein können. Und ein paar Meter mehr scheinen es mir auch zu sein! „Das kann ja heiter werden. Mit meinem 22 Kilo-Koffer und dem anderen Gepäck da runter, bedankt!“ murmele ich leicht fluchend vor mich hin und auch Nancy höre ich leise das F-Wort aussprechen. Als unser Vermieter unsere leicht genervten Blicke sieht und ich schon verzweifelt nach den spanischen Vokabeln suche, um ihm mitzuteilen, dass dieser Weg mit schwerem Gepäck eine Zumutung sei, deutet dieser nur, von einem entwaffnenden Lächeln begleitet, auf eine kleine, selbst gebastelt aussehende Apparatur neben sich. Dort sehen wir dann ein schönes Beispiel für Kanarische Improvisationskunst: eine Seilbahn, gebaut aus einer Holzpalette, Stahlseilen - und mit Antrieb! „Genial“, denke ich mir, und als ich mir die Streckenführung dieser kleinen Seilbahn anschaue, wird mir klar, dass wir unser Gepäck nicht mehr tragen müssen. Endstation: Casa S., das nenn’ ich Infrastruktur! Kurz frage ich mich noch, ob dieses Gefährt Marke Eigenbau in der Lage ist, die Balance zu halten, und habe das Bild eines aus 20 Meter Höhe fallenden Koffers vor Augen, doch dann sage ich mir „Keep cool, Lee, es muss nicht alles TÜV geprüft sein, um zu funktionieren.“ Danach wird die Seilbahn mit unserem Gepäck beladen und von Senor O. auf ihren Weg geschickt. Langsam, fast in Zeitlupe, beginnt sie über unsere Köpfe hinweg ins Tal zu gleiten, und auch wir machen uns an den kleinen Abstieg. Mein erster Gedanke, dieses Terrain in Zukunft lieber in meinen Bergies zu begehen, wird durch die Wegführung eher bestätigt, aber der steile Teil des Weges ist schnell vorüber und wir gehen die letzten Meter auf einem sehr schönen Camino, der ein verwildertes Getreidefeld quert, zum Haus. Dort angekommen, gilt unser erster Blick unwillkürlich nicht dem Haus sondern der Aussicht. „Klasse“, entfährt es mir. „Für diesen Ausblick lohnt auch der Weg, oder?“ höre ich Nancy sagen. „Si, und der Camino zum Haus ist halt unsere Warmmachrunde. Ist wie beim Umzug helfen, am besten sportlich sehen!“ pflichte ich ihr bei und sauge unser zukünftiges Frühstückspanorama in mich auf.

Bild

Von unserer Veranda überblickt man große Teile des in einer lieblichen Palmenoase gelegenen Ortes. Den Hintergrund dieser Postkartenidylle bilden ein Paar exotisch anmutende, schön gezackte Berge und der tiefblaue Atlantik. Und als dann auch noch die Wolkendecke aufreist, die Sonne hervorkommt und das Tal in schönes Licht taucht, merke ich, wie mir ein leichter Schauer den Rücken herunter läuft. Diese intensive Gefühlsregung wird dann von unserem Vermieter unterbrochen, der schon unser Gepäck ins Haus getragen hat und uns selbiges zeigen möchte. Schnell ist uns das aus dunkelgrauem Naturstein gefertigte Haus gezeigt. „Von außen schön und von innen so lala“, ist mein erstes Urteil. Das Schlafzimmer ist ganz schön, die Wohnküche dafür aber etwas steril und ungemütlich, da haben wir schon charmanter eingerichtete und restaurierte Häuser auf den Kanaren gesehen. Aber hier ist eindeutig nicht das Haus der Star sondern die Lage! Danach werden noch kurz die üblichen Formalitäten geregelt und uns der zur freien Verfügung stehende Gemüsegarten gezeigt. Zumindest Tomaten werden wir hier kaum kaufen brauchen, und auch eine riesige Papaya und ein Sack Kartoffeln werden uns netterweise überlassen. Estupendo!
Nun ist alles gezeigt und gesagt und unser Vermieter verabschiedet sich „einen schönen Urlaub wünschend“ von uns. Sofort beginne ich neugierig das Haus zu umrunden, um mir das Gesamtpanorama zu erschließen. Neben dem Haus stoße ich auf die Hängematte, die zwischen zwei Palmen aufgespannt ist und einen schönen Ausblick auf den Ort, das Palmenmeer, den Atlantik und die Gallionsberge garantiert. Mit der Feststellung, „ich glaub’, wir zwei können Freunde werden“, begrüße ich meinen zukünftigen Sofaersatz, „und die Glotze werd’ ich hier auch nicht vermissen. Dieses Standbild kommt besser als Hollywood“. Wie zur Antwort darauf, beginnt die Hängematte vom Wind in Bewegung gesetzt, verlockend zu schaukeln. „Gemach, Gemach, alles zu seiner Zeit“ vertröste ich sie erst einmal und gehe hinters Haus, um den Anblick,
der nach hierhin, tafelbergartig abfallenden Hochebene zu betrachten. Von den Bergen ist allerdings nicht viel zu sehen, da es von dort oben
her schon wieder zuzieht und auch die Sonne ist wohl heute etwas
kontaktscheu und verbirgt sich schon wieder hinter den Wolken. Danach gehe ich ins Haus, wo Nancy schon am auspacken ist und schließe mich ihr an. Bald ist alles in den Schränken verstaut und die Frage nach der weiteren Gestaltung dieses noch recht jungen Tages taucht auf. „And now?“ fragt Nancy. „Keine Ahnung, draußen ist es schon wieder zugezogen und kühl“, antworte ich ihr. „Schade, jetzt hätt’ ich echt Lust, den Beach hier anzutesten.“ „Ja, ich auch, aber bei dem Wind?“ gebe ich zu bedenken. „Und wenn wir heute doch schon einen kleinen Inselausflug
machen?“ „Meinetwegen, irgendwo scheint ja immer die Sonne auf den Inseln hier. Lass uns doch noch mal rausgucken, ob wir ein Wolkenloch entdecken“, stimme ich ihr zu. Der Blick gen Himmel lässt uns vermuten, dass die ganze Insel unter einer dichten Wolkendecke liegt, nur im Norden scheint es Auflockerungen zu geben. „Also, Kaffee und Kuchen in Vallehermoso?“ schlägt Nancy vor.
„Vamos al norte“, stimme ich zu, und wir begeben uns somit früher als gedacht auf unsere erste Entdeckungstour. Kurz darauf befinden wir uns wieder „on the road“. Diesmal fährt Nancy und ich habe die Gelegenheit, die Landschaft ganz entspannt auf mich einwirken zulassen. Langsam, eine Serpentine nach der anderen umrundend, gewinnen wir an Höhe und immer weiter öffnet sich der Blick über den Nordwesten der Insel. Richtung Süden blicke ich wieder fasziniert auf die schroff aufragenden Gallionsberge, hinter denen sich das Tal von Taguluche verbirgt. Im Norden erblicke ich Tazo, das in einer schönen, aber wohl kargen Hügellandschaft zu liegen scheint, und vor uns, stetig näher rückend, zeichnen sich immer deutlicher die ersten bewaldeten Höhenrücken des Inselinneren ab. Dabei fällt mir besonders die schmale Waldhaube, die das Teselinde-Massiv auf ihrem Rücken trägt, auf. Kurz unterhalb des Gipfelrückens scheint der Wald schon wieder völlig zu fehlen und nur noch ein paar Büsche zu wachsen. Wieder einmal wird mir bewusst, wie abhängig die Vegetation auf den Kanaren von den segensreichen Passatwinden ist und wie nah hier fruchtbare, üppig bewachsene Regionen und karge, fast wüstenartige Landschaften beieinander liegen. Hier, im Alojera-Tal prägen auf jeden Fall die unzähligen Palmen das Landschaftsbild entscheidend mit und mir fällt auf, dass ich eigentlich nie eine besondere Vorliebe für sie hatte. Aber hier, im unteren Tal, wo es in der eigentlich kargen Landschaft praktisch keine Bäume gibt, üben sie plötzlich einen besonderen Reiz auf mich aus. Genauso wie die Legionen von Wiesenblumen, die in dieser Jahreszeit den Berghängen Farbtupfer verleihen. Als wir uns dann den Windrädern nähern, frischt – passenderweise – der Wind auch wieder stark auf. „Schau mal, die Bergkuppe, das nenn ich eine Sturmfrisur!“ merkt Nancy an und deutet auf eine Erhebung oberhalb der Windräder. Ich blicke auf und sehe eine mit flachen Büschen bestandene Kuppe. Alle wirken so, als wären sie jahrelang in eine Richtung gebürstet worden. „Da hat sich wohl der Passat verewigt“, antworte ich. Kurz darauf erreichen wir die Abzweigung nach Arguamul, wo ein Schild mit der Aufschrift „Carretera cortada“ aufgestellt ist. „Mist, die haben die Straße gesperrt, und das sieht mir nicht nach einer kurzfristigen Baustelle aus! Schade, die Ecke hat mich mit am Meisten interessiert“, ärgere ich mich. „Aber wir wollen doch die Wanderung auf der Cumbre machen, da kommen wir doch fast dort vorbei.“ wirft Nancy berechtigterweise ein. „Trotzdem schade…“, grummele ich vor mich hin, als wenn ich ahnen würde, dass diese Tour nicht stattfinden sollte. Diese bestimmt sehr schöne Ecke Gomeras sollten wir in diesem Urlaub leider nur aus der Ferne zu Gesicht bekommen.
Der Wind nimmt nun noch an Stärke zu und als wir die TF-712 und somit den Abbieger nach Vallehermoso erreichen, klopfen sogar ein paar
Regentropfen an unsere Windschutzscheibe. Im Norden scheint es allerdings nicht zu regnen, sogar ein paar Wolkenlücken sind nach wie vor zu erkennen – und wir entscheiden uns, unseren Ausflug fortzusetzen. Eng und relativ steil windet sich die Straße in Serpentinen zu Tal und ich merke an Nancys Körpersprache, das diese noch unbekannte Strecke ihre volle Konzentration verlangt.Und auch die teilweise porös wirkenden Betonblöcke, die am Rand der Straße talseits zur Sicherung aufgestellt sind, schauen nicht wirklich vertrauenserweckend aus. In Kurven fehlt gar machmal einer dieser Blöcke - einfach weggebrochen - und fieseste Assoziationen weckend. Dafür sind die Tiefblicke in eines der Seitentäler von Vallehermoso, die ich als Beifahrer im Gegenatz zu Nancy ganz entspannt genießen kann, umso schöner und beeindruckender.

Bild

„Echt Klasse der Talblick, oder?“ merke ich an. „Du, für die Landschaft hab’ ich gerade keine Augen, die enge Straße stresst mich ein wenig“, entgegnet sie bestimmt und ich realisiere, dass es für einen Plausch über die Schönheit der hiesigen Natur gerade der falsche Moment ist. Und als ihr kurz darauf in einer Kurve ein Wagen entgegenkommt, der unsere Fahrbahnseite ein wenig mitbenutzt, steigt ihr Stresspegel deutlich. Gerade so eben kann sie bei ihrem geschickten Ausweichmanöver verhindern, einen der Betonblöcke zu touchieren. „Oh, ich hasse so enge und steile Straßen und mir steckt der gestrige Tag auch noch in den Knochen, können wir nicht tauschen?“ bittet sie mich. „O.K., lass uns wechseln, ich bin fit und mag solche Strecken eigentlich – wenn man nicht gerade so geschnitten wird wie eben. Mann, das war echt knapp! Gomeras Straßen sollen nicht ganz ohne sein und ich weiß vielleicht auch schon eine Route, die Du dafür fahren musst“ In Ermangelung irgendwelcher Haltebuchten stoppen wir einfach auf einer längeren Gerade und praktizieren dort einen „Fliegenden Wechsel“. Nach kurzer Fahrstrecke merke ich, dass ich ein Gefühl für die serpentinenreiche Abfahrt bekomme, und ahne, dass dies eine meiner Lieblingsstrecken auf Gomera werden würde. Allerdings sollte sich auch meine Vorahnung in Bezug auf eine gewisse Abfahrt bestätigen - diese Strecke sollte mich dann stressen, aber Nancy umso mehr Spaß bereiten. Schneller als erwartet erreichen wir dann Vallehermoso, den sympathischen, kleinen Hauptort des Nordwestens, über dem sich inzwischen leider auch der Himmel zugezogen hat. Jetzt liegt auch der Inselnorden unter einer dichten, etwas Tristesse verbreitenden Wolkendecke. Nur der Wind ist hier angenehmerweise deutlich schwächer. Nun taucht die Frage auf, welche Lokalität wir besuchen wollen, und Nancy hat die Idee, das „Castillo del Mar“ anzusteuern. Das finde ich auch einen guten Gedanken und kurz darauf erreichen wir die Küste und sehen auch schon die alte, schön restaurierte Bananenverladestation vor uns. „Wow, da werden ja alte Kindheitsträume war, das wäre der optimale Abenteuerspielplatz gewesen“, sage ich und sehe dabei Burt Lancaster als der rote Korsar und Johnny Depp als Jack Sparrow vor mir, wie sie sich ein wildes Fechtduell auf dem Turm des Castillo liefern. „Ja, das ist schon ein echt imposantes Gebäude und die Lage könnte man durchaus als exklusiv bezeichnen“, fügt Nancy ebenso beeindruckt hinzu. Auf der Zugangsrampe, über die wir das burgartige Gebäude betreten, kommt mir ein Mann entgegen, bei dem ich das Gefühl habe, ihn schon mal gesehen zu haben, aber bevor ich ihn einordnen kann, gelangen wir auf die Terrasse des Castillo und geraten in einen Residentenmarkt(?). Es ist richtig was los hier und die meisten Tische scheinen von Residenten besetzt, die zum Teil auch selbstgefertigte Waren anbieten. Eine gomerische Band(?) mit guter Sängerin spielt eine folkloristisch angehauchte Musik, die mir spontan gefällt. Ich schaue mich um und sehe eine Frau, die mir auch irgendwie bekannt vorkommt. „Komisch, wo hast du denn die Leute schon mal gesehen“, frage ich mich. Dann zupft Nancy an mir und merkt an „siehst Du irgendwo einen freien Tisch an dem wir ein bisschen unsere Ruhe haben, mir wird das nämlich langsam zuviel heute.“
Ich blicke mich um und sehe nirgendwo einen Platz, der diesem Anforderungsprofil entspricht. Dafür nehme ich andere Dinge war. Und mir kommt das Ganze hier, als ich einige Gäste näher betrachte, wie ein Fenster in die 80-er Jahre vor. Die Kleidung einiger Leute scheint der getragene Beweis dafür zu sein, dass früher eben doch nicht alles besser war, zumindest in besagtem Jahrzehnt. Und dann sehe ich mich plötzlich, etwa 20 Jahre jünger, wie ich vor einem Spiegel stehe und mir ein schlecht geschnittenes, schultergepolstertes Jacket über ein muscle shirt ziehe. „Uaaah, nee früher war eben doch nicht alles besser“ murmele ich vor mich hin als Nancy mich aus meinen Gedanken reißt. „Du mir ist das hier gerade zuviel, ich brauch’s heute ruhiger. Wollen wir nicht woanders hin?“ bittet sie mich. Und auch ich habe das Gefühl, dass ich noch nicht genug auf der Insel angekommen bin, um mich auf diese Veranstaltung einzulassen. Also beschließen wir zu gehen und uns nach einer anderen, ruhigeren Lokalität umzuschauen. Auf dem Weg zum Auto begegnet mir dann schon wieder eine Person, die mir irgendwie bekannt vorkommt, und ich frage mich, woher ich diese Menschen kenne. Und dann fällt es mir ein! Bei meiner ausführlichen und sehr hilfreichen Internetrecherche auf diversen Gomera-Seiten habe ich viele tolle Inselfotos gesehen und bei den durch Fotos dokumentierten Wanderungen waren wohl auch Abbildungen jener Menschen dabei. „Schon komisch“, denke ich mir, „da fliegt man über 3000 Kilometer an einen Ort, wo man noch nie zuvor war, geht einmal aus und trifft gleich auf Leute, die man - vom sehen her - kennt.“ Nicht dass ich irgendwas gegen diese Menschen hätte, ich kenne sie ja gar nicht.
Aber trotzdem ein bisschen befremdend. Halt eine kleine Randgeschichte der „schönen“, neuen, digitalen Welt, die mir bei meiner Urlaubsplanung aber beste Dienste geleistet hat. Was wir in diesem Moment allerdings noch nicht wissen konnten, war dass dies unser einziger Besuch des Castillo sein sollte. Unglaublich, aber wahr. Hätten wir das an diesem Tag schon geahnt, so wären wir trotz kleiner Indisponiertheiten sicherlich länger an diesem beeindruckenden Ort geblieben. Aber wir dachten halt, dass wir sowieso noch mal hierher kommen würden. Nun, irren ist menschlich! Aber irgendwas kam eben immer dazwischen, sei es das Wetter, eine geplante Wanderung oder sonst was – und plötzlich sitzt man im Flieger und denkt, da war doch noch was!
Kurz darauf fahren wir nach Vallehermoso zurück, um uns dort nach einem Cafe umzuschauen. Im Ort finde ich nicht sofort einen Parkplatz und nach kurzem Gekurve kommt mir plötzlich der Gedanke, nach Agulo zu fahren. „Was hältst Du von der Idee nach Agulo zu fahren?“ äußere ich meinen Gedanken. „Warum nicht, soll doch sehr schön dort sein. Wenn Du fährst.“ Schnell ist Vallehermoso verlassen und wir fahren auf schöner Strecke durch den Inselnorden in die küstennahen Berge hinauf. Die zähe Bewölkung will zwar partout nicht weichen, aber auch in diesem Licht ist die Landschaft nicht ohne Reiz. Doch als wir uns Agulo nähern, ertappe ich mich dabei, immer wieder auf’s Meer hinaus zu schauen, in der Hoffnung einen Blick auf den mächtigen Teide zu erhaschen. Aber da ist nichts als Dunst über dem Wasser zu sehen – und langsam macht sich doch ein bisschen Ernüchterung über den bisherigen Tagesverlauf in mir breit. „Man fühlt sich wie unter einer Käseglocke bei dem Wetter, oder, findest Du nicht auch?“ merkt Nancy an und bringt es damit auf den Punkt. „Ja, alles wirkt so gedämpft heute, aber pass auf, gleich gibt es „Hallo Wach“ in Form von Kaffee und Kuchen und einem schönen Ausblick“ entgegne ich und versuche auf Optimismus zu machen. Doch als wir dann den Tunnel, der die mächtige Felsklippe vor Agulo durchquert, verlassen und sich eigentlich ein viel gerühmtes und auch schon von mir im Internet bewundertes Bilderbuch-Panoama auftun sollte, macht es irgendwie nicht Pling in mir und mir dämmert endgültig, dass man von einem ersten Urlaubstag, und dann noch bei solchem Wetter, vielleicht nicht zuviel erwarten sollte. Die grauen, tiefhängenden Wolken stauen sich hier an den Bergen der Nordküste und lassen wenig Licht durch. Die ganze Küstenlandschaft scheint in Grautöne getaucht zu sein. Das Meeresblau ist zu einem recht faden „Nordsee im Winter“-Blaugrau geworden und selbst die berühmte rote Steilwand von Agulo lässt ihre eigentliche Farbe bestenfalls erahnen. „Na, so toll ist das jetzt hier aber doch nicht“, äußere ich spontan. „Wie könnte es auch, bei dem Grau in Grau“, rückt Nancy das Ganze wieder ins rechte Licht. Wir parken das Auto am Rande des östlichen Ortsteils auf einem der vielen leeren Parkplätze und begeben uns in die kleinen Gassen des Dorfes. Sofort fällt uns auf, dass der ganze Ort wie ausgestorben wirkt. „Pssst, sei leise! Agulo schläft, nicht wecken“, flüstert mir Nancy zu. Und tatsächlich scheint es so als schliefe das ganze Dorf inklusive seiner Einwohner in einem seligen tiefen Schlummer. Nicht einmal einer der sonst immer im Hintergrund bellenden Kanarenhunde ist zu hören, und schon das Geräusch der eigenen, zwischen den Hauswänden hallenden Schritte erscheint einem unangemessen laut. Alle Läden und Restaurants haben geschlossen. Und dann fällt uns endlich auf, dass wir hier an einem Sonntag in der Nebensaison zur Siesta-Zeit in einem spanischen Dorf umherlaufen und nach geöffneten Läden Ausschau halten. Touris!

Dann aber erinnert sich Nancy daran, das sie etwas außerhalb von Agulo gelegen ein Restaurant gesehen hat, das geöffnet schien. Klare Sache! Unsere knurrenden Mägen signalisieren sofort starkes Interesse an dieser Lokalität und kurz darauf sitzen wir schon wieder im Wagen. Und tatsächlich, das Restaurant hat geöffnet, endlich kommen wir dazu Tee, Cafe con leche und wirklich leckeren, selbstgemachten Kuchen zu verputzen. Danach beobachten wir noch etwas das ausgelassene Treiben der Gomeros im Lokal. Einige wirken recht angeschäkert und scheinen bester Dinge zu sein. Es wird wild und in großer Geschwindigkeit durcheinander geredet und schnell werden mir wieder die Grenzen meines Volkshochschul-Spanisch bewusst! Ich verstehe kaum ein Wort, zumindest weniger als erhofft. „Puede repetir mas despacio, por favor?“ wäre wohl meine Standardfrage, wollte ich mich hier am Gespräch beteiligen. Die Geschwindigkeit, mit der die Canarios ihr auch noch leicht südamerikanisch eingefärbtes Spanisch sprechen, sollte sich für mich immer wieder als das größte Verständigungsproblem herausstellen. Mit dem Drängen auf einen baldigen Aufbruch reißt mich Nancy aus meinen leicht frustrierenden Sprachverständnisübungen und nachdem wir eine leider recht hohe Rechnung beglichen haben, machen wir uns auf den Heimweg und verlassen Agulo, das wir später noch mal in attraktiverem Licht sehen sollten. Als wir kurz vor Las Rosas sind, fällt mir wieder ein, dass von hier eine sehr reizvolle Strecke in den Nationalpark hinaufführen soll. Ich erzähle Nancy kurz von Gomerawanderers Tip und nachdem ich ihr versichert habe, dass diese Route einen nur wirklich kleinen Umweg bedeuten würde, stimmt sie mit der Anmerkung „dann ist aber Schluss mit schneller, höher und weiter“ der Planänderung zu.
Das sollte sich lohnen. Schon bald führt die Strecke wieder durch einen schönen und ursprünglichen Nebelwald, der auch von der Wolkenbildung her seinem Namen alle Ehre macht. Langsam durchschneiden wir Kurve um Kurve Höhe gewinnend den zähen Nebel und immer dichter und feuchter scheint der Wald zu werden. Verdichtet, ja komprimiert, erscheint die Welt hier und nur wenige Geräusche dringen durch die geöffneten Wagenfenster an unsere Ohren. Selbst das Fahrgeräusch des langsam und eher untertourig laufenden Wagens wirkt wie in Watte gepackt. Und auch wir schweigen, von dieser Stille gepackt. Erst als wir die Höhenstraße erreichen, endet dieser magische kleine Urwaldtrip. Wir treffen wieder auf andere Fahrzeuge – und auch der „Blanke Hans“ schickt mal wieder ein paar windige und kalte Grüße vorbei. Rasch drehen wir die Scheiben wieder hoch, denn hier oben herrscht echt garstiges, kaltes Wetter und immer wieder klatschen dicke Regentropfen gegen unsere Windschutzscheibe. Auch die Sicht verschlechtert sich wieder zusehends und nun reicht es selbst mir mit dem Autofahren. Plötzlich wird mir bewusst, wie atemlos wir diesen ersten Urlaubstag verbracht haben, und dass wir die Unternehmungen der nächsten Tage vielleicht in einem langsameren Tempo angehen. sollten. Bis zum Abzweiger nach Alojera tasten wir uns in langsamer Fahrt durch den Nebel, doch dann klart es plötzlich auf und die Westküste empfängt uns, als hätte es den ganzen Tag über keine Wolke am Himmel gegeben, mit schönstem Sonnenschein.

Bild

Und während wir Serpentine um Serpentine hinabfahren und uns der Küste nähern, steigen auch merklich die Temperatur und unsere Laune an. „Ich glaub’, bei dem Wetter sollten wir uns wenigstens noch mal den Strand anschauen, oder?“ schlägt Nancy vor und trifft damit bei mir auf vollste Zustimmung. Bald erreichen wir Alojera, das wir jetzt zum ersten Mal, der recht schmalen Hauptstraße folgend, ganz durchfahren. Kurz vor der Steilküste verschlechtert sich die Straße zusehends und ein Teil der Fahrbahn ist mit einem rot-weißen Band gesperrt. Und als wir dieses noch schmalere Wegstück passieren, sehe ich dann auch den Grund: die Straße ist hier zur Steilküste hin weggebrochen! „Ich hoffe, die wissen hier was sie tun“ äußere ich meine leichten Zweifel angesichts der für deutsche Augen nicht gerade professionell aussehenden Baustelle und fahre lieber im Zeitlupentempo an diesem Abgrund entlang. „Ja, mehr sollte hier wirklich nicht abrutschen!“ äußert Nancy zustimmend. Doch schnell haben wir diese heikle Stelle hinter uns gelassen, fahren in steilen Serpentinen zum Meer herab und sehen zum ersten Mal die kleine geschützte Bucht von Alojera. Unwillkürlich stoppe ich den Wagen, fasziniert von dem, was ich sehe, und blicke völlig gebannt auf die imposante Steilküste und die sich daran brechenden Atlantikwellen. Und unter uns, umfasst und geschützt von gewaltigen, ins Meer ragenden Klippen, erblicken wir den kleinen, aber schönen Sandstrand und die dazu gehörende Siedlung. „Da haben die Reiseführer nicht zu viel versprochen“ jubiliere ich angesichts der Aussicht, diesen einladenden Strand in der Nähe unseres Hauses zu haben. Unten an der kleinen Strandsiedlung angekommen, parken wir unser Auto am Rand der steilen Zufahrtsstraße und sichern die Wagenräder, wie man es wegen des starken Gefälles fast überall in Alojera muss, standardmäßig mit Steinen. Danach gehen wir den kurzen Treppenweg zum Strand hinab und bemerken, dass das Restaurant „Prisma“ wegen Betriebsurlaubs die nächsten beiden Wochen geschlossen bleibt. Damit bleibt nur noch das „Brisas“ wenn man in Alojera Essen gehen will. Aber schon nach dem ersten Besuch dieses Lokals sollten wir das nicht mehr als wirkliche Einschränkung empfinden!

Bild

Am Strand angekommen gehen wir auf die schützende, den Badebetrieb ermöglichende Hafenmole hinaus. Hier, umgeben von tosenden Wellen, die gegen die Steilküste und den Strand schlagen, setzen wir uns den Naturgewalten aus und stemmen uns gegen den heftigen Wind. Immer wieder zerren die Böen an uns und unserer Kleidung. Wir Nordlichter trauen dem Blanken Hans nicht so ganz und als wir das Gefühl bekommen, dass er uns sogar ins Meer fegen könnte, setzen wir uns lieber hin, um dieses Wind- und Meerumtoste Spektakel zu genießen. „So haben wir das gebucht!“ höre ich Nancy leise neben mir sagen und auch ich merke, wie ich immer mehr zur Ruhe komme - als hätte der Wind alle innere Unruhe weggeblasen. Eine Zeit lang schauen wir wie gebannt auf die wogende See um uns herum, aber als wir das Gefühl bekommen, dass unsere knurrenden Mägen selbst die Brandung des Atlantiks übertönen könnten, rückt ein anderer Ort in das Zentrum unseres Interesses: Dieser kleine, einladend wirkende, typisch kanarische Kiosco, den wir die ganze Zeit am anderen Ende der Playa sehen. Kurz darauf ist die Anziehungskraft des Restaurants zu stark und wir reißen uns von unserem faszinierenden Ausblick los. Als wir bei der „Bar de las Brisas“ angekommen sind, stellt sich noch kurz die Frage, ob wir einen der Meeresblick garantierenden, aber umwindeten Außenplätze nehmen oder ob wir uns drinnen niederlassen. Obwohl der Wind schon wärmer geworden ist und sich die angekündigte Wetterbesserung bemerkbar macht, bläst es uns zu heftig hier draußen und wir setzen uns lieber rein. Außerdem lässt mich auch die Aussicht, in den Genuss von „Fliegendem Fisch a la Plancha“ zu kommen, davor zurückschrecken, auf der zugigen Terrasse Platz zu nehmen.
Drinnen setzen wir uns an einen der wenigen Tische des Kiosco. Auch von hier haben wir einen schönen Meeresblick und selbst auf den mittlerweile warmen Wind müssen wir nicht ganz verzichten, da wir direkt neben einem kleinen Schiebefenster sitzen. Perfecto!
Und auch sonst hinterlassen die schlichten Räumlichkeiten, die auf jeden überflüssigen Schnickschnack verzichten, einen guten Eindruck. Einzig ein herrlich naives, gemaltes Wandbild, das einen Koch zeigt, wie er gerade eine Meerjungfrau salzt, um sie für die Pfanne vorzubereiten, sticht ins Auge.Dann wird uns die, ob der „Kleine“ des Restaurants, überraschend große Speisekarte von einer freundlichen, aber zurückhaltenden Gomera gebracht und mir fällt wieder auf, wie unterkühlt die Canarios auf manche Touristen wirken müssen, die nicht wissen, dass die Insulaner als ein wenig „timido“ (schüchtern, scheu) gelten. Wir entscheiden uns schnell und ordern einen großen „Ensalata mixta“, „dos Lenguados con Papas Arugadas“, „una Botella de Agua grande y una Dorada, por favor“
Während wir auf das Essen warten, gehen wir noch einmal das heute erlebte durch und kommen zu dem Schluß, dass das doch etwas viel war, was wir uns gleich am ersten Tag zugemutet haben. „Weniger wäre mehr gewesen“ bringt es Nancy auf den Punkt. Und wir beschließen, Morgen ein anderes Tempo zu gehen. Ein langer, auf die geplanten Wanderungen vorbereitender Spaziergang soll gemacht werden. „Bald geht´s los!“ jubiliere ich innerlich voller Vorfreude auf´s Wandern.
Dann geht aber erst einmal etwas anderes los, das Essen kommt. Der Salat ist knackig und frisch, der Fisch saftig, aber durchgebraten – und die Papas? Ja, da hab ich mich schon das ganze Jahr drauf gefreut. Perfecto! Volltreffer, gleich am ersten Abend haben wir unser Lieblingsrestaurant gefunden! Im Brisas sollten wir noch öfter essen und es war jedes Mal exzellent. Schade nur, dass es meist so leer war. Die Betreiber hätten eine ganz andere Aufmerksamkeit verdient. Aber das Lokal liegt ja auch nicht im Valle… und zudem war ja Nebensaison. Nach dem Essen bestelle ich mir noch einen Cafe con Leche und einen Brandy und merke, wie sich ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit und des Angekommenseins in mir einstellt. Plötzlich erinnere ich mich eines alten Sprichworts: „Liebe geht durch den Magen“ und mir wird klar, dass das mit dieser Insel über Sympathie hinausgehen könnte…


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 09.08.2007, 15:27 
Lee, es hat mir grosse Freude bereitet Deinen Bericht zu lesen!


Nach oben
  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 09.08.2007, 22:51 
Offline
...nicht mehr so ganz neu hier
...nicht mehr so ganz neu hier
Benutzeravatar

Registriert: 16.03.2007, 15:09
Beiträge: 149
Ganz toll, Lee!!! Ich bin beeindruckt wie schön du die Stimmung eingefangen hast :-D
Nemo

_________________
:duckie:


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 05.09.2007, 21:42 
Offline

Registriert: 08.01.2007, 00:20
Beiträge: 0
Teil 3: Bitte, erst im Ganzen lesen und dann Fotos gucken. Viel Spaß!


Von Seemannsheimen, Strohhüten und dem Valle

Kaiserwetter! Die Sonne scheint von einem makellos blauen Himmel, die Temperatur ist frühsommerlich warm und selbst der Wind ist zu einem lauen, angenehmen Lüftchen geworden. Und während wir unser Frühstück auf der Veranda einnehmen, kann ich mich gar nicht sattsehen am schönen Ausblick, den unser Haus bietet. Und es schmeckt heute so richtig, Land- bzw. Seeluft machen Appetit, sagt man doch. Wie wahr!
„Vielleicht ist ja das der Grund dafür, dass ich im Urlaub nie abnehme, eher leicht zulege, trotz regelmäßiger Bewegung“, denke ich mir, „na ja, und der Vino wird wohl auch eine Rolle dabei spielen. Im Urlaub trinke ich einfach mehr.“

Aber egal, gleich wollen wir ja ein bisschen Kalorienabbau betreiben. Da Wandern in den letzten Jahren zu einer unserer Lieblingsbeschäftigungen geworden ist und wir leider so gar nicht in einer der klassischen Wanderregionen beheimatet sind, fühle ich mich jetzt fast wie das Kind vor dem Wehnachtsbaum angesichts der Tatsache, dass es gleich losgeht – und dann noch in solch reizvollem Terrain wie auf Gomera!
Das einzige, was mir ein wenig Sorge bereitet, ist die in diesen Breitengraden unerlässliche, aber fehlende Kopfbedeckung. Ich trage auf den Wanderungen eigentlich immer einen Strohhut, um mich vor der heftigen Kanarensonne zu schützen. Nur habe ich für die heutige Tour noch keinen, da ich meinen etwas aus der Passform geratenen La Palma-Hut nicht mitgenommen habe. Außerdem vertrete ich den vielleicht etwas puristischen und eigenwilligen, aber den Urlaubsort und die dortigen „Strohhutmacher“ (so es sie denn gibt) respektierenden Standpunkt, dass jede Insel ihren eigenen Hut verdient. Ein La Palma-Hut kommt mir also auf La Gomera nicht auf den Kopf! Nancy sieht das pragmatischer und hat ihren Stohhut aus dem letzten Urlaub dabei.

Da die Tour heute aber schon über 3 Stunden dauern wird und mein Vorbräunungsgrad in die Kategorie „der hat wohl in einer Höhle gehaust“ fällt, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich einem Produkt aus dem Hause Beiersdorf anzuvertrauen und mir das Gesicht mit einer jener backsigen Cremes einzureiben, die mit dem Stirnschweiß immer so nervend in die Augen transportiert werden. Ich hasse eigentlich Sonnencreme, obwohl ich einräumen muss, dass sie zu den wirklich sinnvollen Erfindungen gehört. Also rauf mit Lichtschutzfaktor 30! Und ich muss sagen, Achtung Werbung, dass mich die „Nivea Sun“ absolut überzeugt hat! Ca. 4 Stunden war ich ununterbrochen der „gnadenlosen Sonne“ Gomeras ausgesetzt und hatte, obwohl ich nicht gerade der „südliche Typ“ bin, trotzdem nur eine etwas gerötete Nase und eine leicht gegrillte Geheimratsecke, aber keinen wirklichen Sonnenbrand.

Dann geht es endlich los und wir fahren wieder Richtung Epina. Oben angekommen biegen wir rechts ab, Richtung Arure und VGR. Auch hier im Nebelwald ist das Wetter heute deutlich freundlicher und wärmer. In Arure parken wir unser Auto am Abzweiger zum „Mirador del Santo“ und ich zücke das rote Buch. Endlich! Ich liebe die Rother Wanderführer, sie sind mir die liebste Buchreihe der Welt! Das meine ich ernst. Ich habe schon einige tolle Bücher gelesen, aber keines hat mich so bewegt, wie manche der Rotherbände. Das Kapitel eines Krimis bleibt im Gegensatz zur Rothertour Fiktion. Ganz anders verhält es sich mit diesen Wanderführern! Ich liebe es schon weit vor Urlaubsbeginn darin zu schmökern, um mir meine Touren anzulesen. Ich verbringe Stunden damit, Abschnitte verschiedener Wanderungen miteinander zu verbinden und sie mir im Geiste auszumahlen. Im Urlaub selbst ist das Leseerlebnis der gleichen Touren dann noch einmal ein ganz anderes, da die beschriebenen Wanderungen gefühlte Realität werden - und diese ist oft genug überwältigend schön. Klar, manchmal kommt einem die Beschreibung einer Tour im nach hinein wie eine leere Versprechung vor, enttäuschend unspektakulär, oder gar, im schlimmsten Falle, wie die Anleitung zum Verirren, aber beides haben wir selten erlebt. Dafür wurde uns des Öfteren das Glück zu Teil, dass sich hinter einer wenig animierenden Wegbeschreibung eine Perle von Camino und Landschaft verbarg. Das waren teilweise die schönsten Touren, halt weil man nicht so viel erwartet hat.

Und eine andere, erstaunliche Begebenheit ist mir in Bezug auf den Roter noch aufgefallen: Dies ist der dritte Wanderurlaub hintereinander, den wir „mit“ einem gewissen Herrn Wolfsperger und seiner Frau verbringen. Nach Korsika und La Palma nun La Gomera. Erstaunlich! Ich hatte vor vielen Jahren mal eine Phase, da hab’ ich immer gegenüber von Seemannsheimen gewohnt. Hat sich halt so ergeben. Damals hab’ ich mir gesagt, wenn ich mal wieder eine Wohnung suche, halte ich einfach nach einem anderen Seemannsheim Ausschau und frage gegenüber, ob eine Wohnung frei ist. Vielleicht sind die Wolfspergers ja so etwas wie die Seemannsheime. Mich würde es auf jeden Fall nicht wundern, wenn wir in Zukunft noch mal auf Teneriffa und El Hierro urlauben würden, denn über diese beiden Inseln haben sie auch Wanderführer verfasst. Eines muss allerdings noch mal angemerkt werden und ein größeres Kompliment kann man den beiden ungleichen Kanarenschwestern, La Gomera und La Palma, wohl kaum machen: Wir fanden sie noch schöner, noch beeindruckender als Korsika und das heißt einiges, angesichts der Schönheit dieser Insel!

Ausblicke auf die Westküste
Bild

Bild

Bild
Taguluche versteckt sich...

Und ein Teil der landschaftlichen Reize Gomeras sollte uns heute, während unserer Tour vor Augen geführt werden Am Anfang führt die Wanderung am Barranco de Arure, der „nur“ eine Nebenschlucht des Valle Gran Rey ist, vorbei. Wir verweilen ein wenig an diesem „kleinen“ Barranco und genießen die sich eröffnenden Ausblicke, als plötzlich aus dem Nichts eine kräftige Windböe auftaucht und Nancys Strohhut hinfort trägt. Sie versucht noch nach ihm zu greifen, verfehlt ihn aber und wir müssen mit ansehen, wie er trudelnderweise, fast wie in Zeitlupe, in den Barranco entschwindet.
„So ein Mist, mein schöner Hut!“ ruft Nancy aufgebracht ihrer geschätzten Kopfbedeckung hinterher.
„Ja, ja, jetzt hat sich der Barranco deinen armen La Palma-Hut geholt. Hättest Du auf mich gehört, würde er jetzt sicher zuhause im Schrank liegen und sich seines Hutseins erfreuen“, stichele ich, da ich mich in meiner etwas abwegigen Theorie über das Wie und Wo des Hutkaufs bestätigt fühle. „Du tust ja gerade so, als hätte ich ihn ermordet!“ hält Nancy entrüstet dagegen.
„Nein, für Mord als Anklage reicht die Beweislast wohl nicht aus, nennen wir es lieber Beihilfe“, entgegne ich lachend und nehme sie in den Arm. „Wir sollten nachher im Valle nach Hüten Ausschau halten“, schlägt Nancy vor. „Unbedingt!“ stimme ich zu und biete ihr meine Sonnencreme an.
Wir gehen weiter und werden schnell von dieser kleinen Urlaubsepisode abgelenkt, denn langsam zieht uns diese leichte Einstiegswanderung, bei der kaum Höhenunterschiede zu überwinden sind, in ihren Bann. Der Blick hinunter in den gewaltigen Talkessel von Taguluche ist wirklich atemberaubend und auch die Aussicht in Richtung Norden und somit über weite Teile der Westküste steht dem in Nichts nach. Eine Weile führt der Fahrweg über einen schmalen Grat, um dann in einen schönen, gepflasterten Camino, der eine reizvolle Erosionslandschaft quert, überzugehen. Kurz darauf erreicht man dann das breite, sanft geneigte Hochplateau von La Merica, das grandiose Ausblicke auf El Hierro, La Palma und hinein ins Valle Gran Rey gewährt.Wir bummeln entspannt über die karge, fast nur von gelbblühenden Tabaibasträuchern und Gras bestandene Hochebene und begegnen immer wieder einzelnen Wanderern, so vielen, wie in allen folgenden Touren zusammen. Und obwohl sich auch hier nicht gerade die Leute auf die Meindl oder Lowa treten, scheint diese Gegend einer der Wanderhotspots der Insel zu sein Bei manchen der folgenden Wandererungen sollten wir allerdings nur auf drei, vier andere Wanderer treffen - ach, ich liebe die Kanaren im Mai! Schon auf La Palma hatten wir zu dieser Jahreszeit manche der Highlights praktisch für uns allein.

Bild
Nordwestblick
Bild
Keinen Schritt weiter!
Bild
Hochebene von La Merica
Bild
Blickrichtung Inselinneres

Bei strahlend blauem Himmel, sommerlichen Temperaturen und einer leichten, angenehmen Brise orientieren wir uns Richtung Abbruchkante, um einen schönen Rastplatz mit Blick ins Valle Gran Rey zu finden. Als wir die Steilwand erreichen, suchen wir uns ein paar gemütliche Sitzsteine und blicken in die gewaltige Schlucht hinab. Schwindel erregend ist der Blick in den von unzähligen Palmen bestandenen Barranco, wow, was für ein exklusiver Ort für eine Brotzeit! Da schmeckt das Bocadillo umso besser. Nach einer ausgiebigen Rast gehen wir wieder zum Auto zurück und beenden diese leichte Wanderung, bei der wir Ausnahmsweise mal schritthalten konnten mit den Seemannsheimen, denn eine Sache kann man unseren, ansonsten geschätzten, imaginären Mitwanderern schon vorwerfen: Die haben einen echt strammen Schritt drauf!

Danach fahren wir zum ersten Mal ins Valle hinunter. Diesmal fährt Nancy, denn vor dieser steilen Abfahrt in den riesigen Barranco habe ich ein wenig Respekt, da ich in den letzten Urlauben ein Paar leichtere Höhenschwindelmomente gehabt habe. Sie waren nicht wirklich gefährlich, aber immerhin… Ich habe keine Probleme damit, enge steile Serpentinen, wie zwischen Epina und Vallehermoso, zu fahren, sofern sie von Leitplanken gesichert sind. Aber lange, rampenartige Abfahrten können bei mir manchmal Höhenschwindel auslösen und gerade der erste Teil der Abfahrt ins Valle Gran Rey weist zum Teil diese Charakteristika auf. Nancy hingegen kennt zu ihrem Glück diese Gefühle nicht und genießt vom ersten Moment an die Fahrt auf der sehr gut ausgebauten Straße ins Valle hinab. „Wahnsinn, was für ein Tiefblick“, murmele ich beeindruckt vor mich hin, denn paradoxerweise bin auch ich als Beifahrer in der Lage, die Abfahrt in diesen gewaltigen Barranco zu genießen. Zum Glück, denn ich interpretiere den Umstand, dass ich als Beifahrer nie unter diesen Schwindelgefühlen leide, dahin, dass ich eigentlich gar kein wirklicher Höhenangstkandidat bin. Das macht mir Hoffnung und lässt mich auch mal ein kurzes Unwohlsein überwinden.

An der Ermita de San Antonio stoppen wir und machen eine Pause, um den schönen Rundumblick zu geniessen. Diese Canyonartige Schlucht ist schon beeindruckend und der Hauptreiz geht dabei von den Gegensätzen aus. Liebliche Palmenhaine und grüne Terrassenfelder kontrastieren mit steil aufragenden, kahlen Barrancowänden, bizarren Felsformationen und dem tiefblauen Atlantik Das hat schon was!

Bild
Oberes Tal
Bild
Unteres Tal

Nach dieser kurzen Rast fahren wir hinunter bis La Playa und parken dort unser Auto. Hier bummeln wir etwas durch den Ort und seine Läden und unser erster Eindruck ist eigentlich relativ positiv, da es hier wohl zumindest in der Nebensaison recht beschaulich zugeht. Als wir an dem „Vogelsupermarkt“ vorbeikommen, entscheiden wir uns zu einem spontanen Lebensmitteleinkauf und bekommen vorgeführt, dass auf dieser Insel noch weniger als anderswo „groß gleich günstiger“ bedeutet. Ganz schön teuer der Laden! Und auch um das Angebot der Ware in die Breite scheint es nicht zum allerbesten bestellt. Dafür stoßen wir kurz darauf auf ein Geschäft, das auch Strohhüte führt! Nichts wie rein, mein Gomera-Hut ruft! Aber als wir im Laden sind, stellt sich schnell heraus, dass dieser leider noch ein bisschen warten muss, denn Nancy sieht sich dieses und jenes an und will in jedem T-Shirt, das sie anprobiert, bewundert werden. Mein zielgerichteter, männlicher Shoppingsinn sagt mir hingegen seufzend, „wir wollten doch eigentlich nur nach Hüten schauen und sie wird doch sowieso kein’s dieser Teile kaufen“. Und so kommt es dann auch. Keines der Kleidungsstücke ist wirklich überzeugend und wir wechseln endlich zu den Hüten. Nancy findet schnell Ersatz für ihren entflogenen Hut. Mit dem weiblichen, durch jahrelanges Profishopping geschärften Blick für das Objekt der Begierde greift sie zielstrebig nach einer kecken Mischung aus Strand-, Cowboy- und Strohhut, setzt ihn auf und entringt mir den spontanen, bewundernden Ausruf: „Touchdown im ersten Versuch, das isser!“
„Und jetzt Du!“ sagt sie herausfordernd, sich wohl an die kleine Episode von vorhin und meines etwas bissigen Kommentars, erinnernd.
„Ähm, nicht so schnell, äh, ich versuch mal den hier“, antworte ich unentschlossen, greife nach irgendeinem Hut und setze ihn auf. Der Blick in den Spiegel verrät, dass er ein wenig groß geraten ist und zudem eher einem Lampenschirm als einer Kopfbedeckung ähnelt.
„Der steht Dir super und passt echt zu Deiner Kopfform“, heuchelt Nancy.
„Danke, mein Schatz, was würde ich nur ohne Dich tun.“
„Dir einen Lampenschirm als Sonnenschutz kaufen!“ setzt Nancy feixend nach. „Aber versuch mal den hier, der sieht doch schön aus.“
Und wirklich, dieser Strohhut sieht im Gegensatz zu den anderen Modellen deutlich attraktiver aus. Jedoch ist er mir etwas zu klein und würde von der ersten Windböe davongefegt werden.
„Schade“, grummele ich ein wenig genervt vor mich hin, und als uns dann auch noch die Verkäuferin versichert, dass dieser Hut in einer Nummer größer nicht mehr vorrätig ist, dämmert mir langsam, dass der Strohhutkauf sich doch schwieriger als gewünscht, gestalten sollte.
So langsam melden sich scheinbar meine männlichen Anti-Shopping-Gene zu Wort und eine unterbewusste Stimme in mir flüstert ständig etwas von „Bier, Fußball oder ersatzhalber Stand“.
„Mist, heute habe ich echt eine lausige Shoppingkondition“, denke ich mir, „wären wir hier in einem großen Kaufhaus, wär’ ich gleich ein Fall für den Männerhort.“
„Ist Dir nicht gut?“ fragt mich Nancy prompt.
„Ne, ne, alles bestens“, antworte ich herunterspielend und greife nach einem weiteren Hut.
Leider ist dieser ein klein wenig zu groß, dafür sieht er immerhin akzeptabel aus und ist zudem der noch einzig verbleibende Kandidat.
„Vielleicht sollten wir noch in einem anderen Geschäft gucken“, schlägt Nancy vor und löst damit einen sprunghaften Anstieg meines Ruhepulses aus.
Ich denke mir, „eitel war gestern“ oder ehrlicherweise „bloß raus hier“ und antworte, „ne, der ist schon O. K. Soll ja auch nur ein Sonnenschutz sein!“
„Aber sonst machst Du doch auch immer so einen Wind um Deinen Inselhut. Du weißt echt nicht was Du willst?“
„Doch, schnell hier raus“, denke ich mir und bringe blitzschnell die Bezahlung hinter mich. Und erst als wir endlich wieder auf der Strandpromenade sind, habe ich das Gefühl, wieder frei durchatmen zu können.

Shoppen und Lee, zwei Welten prallen aufeinander. Nicht immer, aber oft…

Dafür verstehen sich Lee und der Strand schon besser, vor allem wenn er so schön leer ist wie heute. Kaum mehr als 20 Leute bevölkern bei bestem Badewetter den Strand bei La Playa und obwohl der Wind mittlerweile total abgeflaut ist, sind die Temperaturen echt erträglich.
Nicht weit von der Strandpromenade breiten wir unsere Handtücher aus und spannen unseren mitgebrachten Mini-Sonnenschirm auf. Kurz darauf planschen wir auch schon im erfrischenden Atlantikwasser und unsere, von der Wanderung auf der schattenlosen Hochebene sonnengedörrten Körper erhalten ihre verdiente Abkühlung. Was für eine Wohltat! Danach schauen wir schweigend aufs Meer und lauschen der Brandung.

Nach einer Weile zückt Nancy ihr Buch und beginnt zu lesen, aber mich treibt der Gedanke an ein kühles Blondes um und kurz darauf sitze ich auf der Außenterrasse vom „Maria“. Am späten Nachmittag geht es hier scheinbar noch ruhiger zu und es sind nur wenige Tische besetzt. Ich bestelle mir ein Bier und da der Strandblick von meinem Sitzplatz aus nicht gerade der Beste ist, beobachte ich ein wenig die Gäste. Sofort fällt mir auf, dass alle rauchen. Ich habe vor eineinhalb Jahren zum Glück mit diesem schrecklichen Laster aufgehört, aber im letzten Urlaub vor einem Jahr, hatte ich meine bisher härteste Bewährungsprobe zu überstehen. Ich lief mit einem Dauerschmachter durch den ganzen Urlaub. Gerade in den schönsten Momenten, wie z. B. nach einem Gipfelaufstieg und der darauf folgenden Rast mit fantastischem Blick ins Tal, hatte ich den größten Jieper. So ging das den ganzen Urlaub über, die schönsten Genussmomente verursachten den größten Schmachter. Ich rauchte dann auch zwei Zigaretten, kam aber glücklicherweise trotzdem als Nichtraucher wieder zurück. Puh, war das knapp!
Danach fiel mir mein Nichtraucher-Dasein bis auf wenige Momente wieder deutlich leichter, aber vor dem Gomeraurlaub musste ich natürlich wieder an meinen Dauerschmachter vom letzten Jahr denken. Und jetzt sitze ich hier, hatte bisher einen tollen Tag, genieße mein Bier, sehe den Leuten beim Rauchen zu – und habe Schmachter! Aber so ist das wohl, wenn man 25 Jahre geraucht hat, und die, die behaupten, dass man nur zum nichtrauchenden Raucher werden kann, haben vielleicht einfach Recht.
Einmal tief durchatmen, sage ich mir, und kurz darauf ist dieser Moment der Gier glücklicherweise Vergangenheit. Und auch sonst sollte der Urlaub in dieser Beziehung deutlich stressfreier ablaufen als der letzte.

Zur Belohnung bestelle ich mir noch einen Cafe con Leche und betrachte die Gäste etwas intensiver. Dabei wird mir bewusst, dass das middle-aged Pärchen, das mir gegenüber sitzt, die ganze Zeit noch kein Wort miteinander gewechselt hat. Beide schauen immer wieder, etwas gelangweilt wirkend, auf die Steilwand von La Merica. Fährt hier gerade eine Beziehung gegen die Wand, frage ich mich. Oder sind die Beiden ein Fall von, das war jetzt einmal Gomera zuviel? Aber vielleicht interpretiere ich auch alles falsch und die zwei haben einfach die wertvolle Gabe, miteinander in Harmonie schweigen zu können? „Der Rest ist Schweigen“, kommt mir plötzlich in den Sinn und ich wende mich lieber dem nächsten Tischnachbarn zu. Es ist ein ca. 30-jähriger Mann, der seitdem ich hier bin, unentwegt schreibt. Manchmal blickt er kurz auf und verzieht den Mund dabei als würde er die Worte murmelnderweise abwägen. Zwischendurch greift er immer wieder nach seiner Kaffeetasse und blickt interessiert in die Runde. Plötzlich habe ich den Gedanken, dass dieser junge Mann vielleicht genauso wie ich die Szenerie beobachtet aber das ganze gleich zu Papier bringt. Was würde er wohl über das schweigende Pärchen zu berichten haben? Oder für mich eigentlich interessanter: Was denkt er gerade über mich? Vielleicht so etwas in der Art wie, „klassisches Gomera-Greenhorn, starrt alles und jeden neugierig an“ oder „Mann, was glotzt der Typ die ganze Zeit so auf meine Fluppe. Kommt bestimmt gleich zum Schnorren rüber und dann werd ich von dem vollgelabert.“ Aber vielleicht ja auch etwas Positiveres. Auf jeden Fall erinnert mich der unbekannte Schreiber an einen der Vorsätze, die ich für diesen Urlaub gefasst habe – ich möchte einen Reisebericht schreiben und muss mir dafür jeden Tag ein paar Stichworte notieren, um nicht die ganzen kleinen Randgeschichten wie diese zu vergessen. Kurz darauf verlässt der fleißige Schreiber die Lokalität und ich bin mit meinen Gedanken, die sich wieder stärker auf das Valle konzentrieren, für mich allein.
„Echt schön das Tal und für einen Touriort herrscht hier wirklich eine entspannte Atmosphäre - zumindest im Mai“, denke ich mir. Allerdings meldet sich auch eine andere Stimme zu Wort, die etwas einschränkend formuliert, „aber sooo klasse, fantastisch und absolut überirdisch, wie so viele behaupten, finde ich es hier nun auch wieder nicht!“ Landschaftlich gefielen mir einige andere Ecken der Insel wie z.B. die Gegend um Alojera und Taguluche einfach noch besser. Auch Vallehermoso und seine reizenden Seitentäler können, finde ich, wenn man mal von dem fehlenden Strand absieht, durchaus mit dem Valle mithalten. Am meisten beeindruckte mich allerdings das bezaubernde Tal von Hermigua und die daran anschließende, wunderschön gezackte Cumbre Carbonera.
Aber das ist natürlich alles Geschmackssache und die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.
Anmerken muss ich vielleicht noch, dass wir in der letzten Zeit nicht mehr so oft ausgehen. Noch bis vor ein paar Jahren wäre allein die Kneipenszene im Valle Grund genug für mich gewesen, dort meine Zelte aufzuschlagen. Aber da wir uns in den letzten Jahren ja dem Wandern verschworen haben und zudem aus einer sehr großen Stadt kommen, haben wir die Ruhe dieses kleinen Dorfes schätzen gelernt, und waren in Alojera bestens aufgehoben.
Unglaublich aber wahr, drei Wochen auf der Insel und dieser nachmittägliche Besuch im Maria sollte mein einziger Barbesuch im Valle sein.
Wobei es sich mir als bekennendem Bongo-und Didjeridoo-phoben Musikfreak wohl auch zum Teil die Fußnägel gekräuselt hätte, wenn ich hier an dieser Stelle in den Genuss des oft beschriebenen Sonnenuntergangsrituals gekommen wäre! Sonnenuntergänge bei Maria, ja Bitte!
Mit oder ohne Gitarre, Sax, Akkordeon usw. Si, find ich klasse, aber Bongos oder Didjeridoo - no thanks!!! Sorry!
Aber auch das ist natürlich reine Geschmackssache.

Ansonsten verhält es sich für mich mit dem Valle vielleicht auch ein bisschen so wie mit einem Film, von dem einen viele Leute lang und breit vorgeschwärmt haben, und wenn man ihn dann gesehen hat, denkt man sich ganz gut, aber so klasse nun auch wieder nicht.
Und vielleicht wäre ja auch ich dem Zauber des Tals erlegen, wenn ich hier Nachts schlafen gegangen wäre und am nächsten Morgen der Sonne dabei zugeschaut hätte, wie sie über die Berge kriecht und das Tal mit Licht füllt. Oder wenn wir von hier aus in die Berge hinauf gewandert wären und das Ganze mit einem Bad am Playa de Ingles beschlossen hätten. Oder, oder, haben wir aber nicht.
Wir sind dem magischen Gomera halt an anderen Orten auf der Insel begegnet!
Eines sollte uns allerdings in Bezug auf das Valle im Verlauf des Urlaubs noch bewußt werden: Das Wetter ist hier meist deutlich besser als im Rest der Insel! Mann, war das in Vallehermosso und Hermigua oft bedeckt. Da würd’ ich, aller Schönheit zum Trotz, nur im Sommer was buchen.
Und im Winter würde für mich auf Gomera wohl eh nur das Valle in Frage kommen.
Wer weiß, vielleicht war das ja nur nicht Liebe auf den ersten Blick…

Kurz darauf reißt mich Nancy aus meinen Betrachtungen. Sie möchte auch noch einen Drink nehmen. Ich hole derweil unsere Badesachen, denn wir wollen heute Abend auf der Veranda speisen und dazu müssen wir uns etwas sputen. Diesmal fahre ich die Strecke im Valle, denn ich ahne, dass mir die Fahrt hinauf nichts ausmachen wird. Und genauso kommt es dann glücklicherweise auch – ich verspüre keinerlei Höhenschwindel. Eine Stunde später sind wir dann auch schon wieder in Alojera, packen unsere Einkäufe aus, duschen noch schnell und beginnen zu kochen.
Es gibt Salat und Thunfischpasta, mmh lecker. Perfecto! Selbst die Abendtemperaturen glänzen heute mit guten Tischmanieren und während wir bei Kerzenschein auf der Veranda speisen, stellen sich auch noch einige überraschende Tischgäste ein. Mehrere süße Geckos sind aus den Spalten im Mauerwerk gekrochen und sitzen nun auf der Hauswand, um im Kerzenschein nach Insekten zu jagen. Buen Aprovecho! Nach dem Essen lauschen wir dann noch ein wenig dem Konzert der Grillen und blicken fasziniert gen Himmel, wo von Minute zu Minute mehr funkelnde Sterne am Firmament aufzutauchen scheinen. „Fühlt er sich vielleicht so an, der Himmel auf Erden?“ frage ich Nancy. „Keine Ahnung“ antwortet sie seufzend, „aber ein himmlischer Moment ist das allemal!“






Für Leute die es interessiert, hier ein Link zum Thema Höhenschwindel:

http://www.neuro24.de/hoehenangst.htm


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 05.09.2007, 22:00 
Offline
...nicht mehr so ganz neu hier
...nicht mehr so ganz neu hier
Benutzeravatar

Registriert: 16.03.2007, 15:09
Beiträge: 149
Lee, :heart: das macht mein Herz beim Lesen deines wunderschön beschriebenen Reiseberichts, danke Dir, eine grosse Freude :bussi
Nemo

_________________
:duckie:


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 05.09.2007, 22:05 
Offline

Registriert: 08.01.2007, 00:20
Beiträge: 0
nemo hat geschrieben:
Lee, :heart: das macht mein Herz beim Lesen deines wunderschön beschriebenen Reiseberichts, danke Dir, eine grosse Freude :bussi
Nemo


Vielen Dank, Nemo! :prayer: Hör ich echt gerne. :-D


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 41 Beiträge ]  Gehe zu Seite 1, 2, 3  Nächste

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde


Wer ist online?

0 Mitglieder


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
cron
Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group
Style based on FI Subice by phpBBservice.nl
Hosted by iphpbb3.com
Beliebteste Themen: Reise, Urlaub, Erde

Impressum