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 Betreff des Beitrags: Abstieg
BeitragVerfasst: 22.02.2008, 17:37 
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Eine liebe Forum-Freundin hat mir die MAPA DE SENDORISMO des Gabildo de La Gomera geschenkt. Darin ist auch eine Tour 13 (Oh,Oh!) vom Tunel de Tejiade-Tejiade-El Joradillo-Tecina-Playa Santiago verzeichnet. Alle mir sonst bekannten Karten weisen an dieser Stelle nichts oder nur eine vage gepunktete Linie auf. Bis auf KOMPASS, der hat auch hier einen schönen durchgehenden Wanderweg.

Ein Blick in die Liste der meistenteil unveröffentlichten Reiseberichte, da ist er ja, mit dem Titel: "Gerne geb´ich zu:". Ein wenig überarbeitet, hier ist er:

Gerne geb’ ich zu: Manches zeigt sich im Nachhinein rosiger als im Original empfunden, und Zeit scheint nicht nur Wunden zu heilen, sondern auch die Erinnerung zu verkleistern und zu glätten (obwohl Shakespeare das Gegenteil behauptet, aber der ist in diesem Forum ja nicht so gut gelitten). So ganz glatt, wie es sich liest, laufen nicht alle Wanderungen. Hier mal ein Bericht von einer, wie es nicht gehen sollte:

Jardin Tecina; Früh-Frühstück (gibt’s ab 6 Uhr, etwas reduziert, aber immer noch dreimal so reichhaltig wie ein normales im Gran Rey, und das ist ordentlich). Heute soll es endlich mal nach La Laja und von dort zum Roque de Agando gehen. Es ist erst 7.30 Uhr, Anfang Juni, strahlend blauer Himmel, um diese Zeit schon warm (in Tecina steht eben kein hoher Berg im Weg). Um 8.15 Uhr kommt Juan Velasque Mendoza, unser Lieblingstaxifahrer.
Nur leichtes Gepäck haben wir, Fleece- und Regenjacke können zu Hause bleiben, bei dem Wetter!

Juan V.M. ist wie stets gut drauf, er steuert sein Großraumtaxi mit eineinhalb Fingern und erzählt. Die Reichen (wir kommen ja an der Baustelle zum Dom Thomas von Fred Olsen vorbei) sind seiner Meinung nach alle "capitalistas" und "idiotas". Ein Esel am Straßenrand (jenseits der talseitigen Leitplanke) bringt ihn völlig aus dem Häuschen. Meine Frau winkt schon mit der K-Tüte, da geht’s etwas ziviler.

Las Toscas kommt in Sicht, von hier der erste Blick zum Agando – He? No hay Agando, nur milchige Suppe da links oben. Weiter geht’s, im vollen Sonnenschein, ich sitze etwas geduckt, um durch die Scheiben etwas vom Wetter vorn mitzubekommen. Die Wolken jagen über den Kamm.

Gleich nach der Einmündung in die Carretera del Sur lässt uns Juan aus dem Taxi. Über die Mauer an der Degollada de Peraza jagt ein Sturm, der uns fast von den Stiefeln holt. Bis zur Mauer herangepirscht: Jenseits gibt es nur ein Nichts, das eisekalt heraufjagt. Wir haben keine Jacke, keinen Fleece. Am Buswartehäuschen erst mal überlegt: Nach La Laja und dann rauf zum Agando zu laufen wäre Wahnsinn, man sieht nichts und es ist saukalt.
Der nächste Bus nach Santiago kommt in drei Stunden.

Wir beschließen, auf der Straße Richtung Santiago zu laufen. Da kommt bestimmt ein Taxi. Der Rucksack auf dem Rücken hält den Rückenwind etwas ab, dann sind wir auch bald im Windschatten und in der Sonne. Die Kurvenbegradigung bei Jerdune kommt, hier könnte man über die Casas de Contrera nach Santiago absteigen. Aber wir haben keine Wegbeschreibung mit, also weiter. Es wird wärmer, der tiefste Punkt der Straße bei Vegaipala ist erreicht, es geht weiter aufwärts. Jetzt kommt die Abzweigung nach Teijade vor dem ersten Tunnel. Das wäre doch was, da ist eine gerade, nicht gestrichelte Wanderwegelinie in der (schon etwas mitgenommenen) Karte. 5,2 Kilometer Straße haben wir jetzt hinter uns, es waren auch einige Taxis da, aber immer in Gegenrichtung. Nicht noch weiter die Straße, da können wir besser den Wanderweg gehen.

Zunächst geht es fast 2 Kilometer über eine sanft abfallende Hochfläche wieder auf Asphalt weiter, durch aufgelassene Terrassenfelder. Am Straßenrand eine blühende Artischockenart, auf den Feldern viele umgestürzte Blütenstände von Agaven. Hier wird schon lange nichts mehr bestellt. Dann taucht vor uns das Dorf Tejiade auf, mit einigen alten und eigen schmucken neuen Häuschen. Aber überall vor den Grundstückszufahrten Ketten, außer einem krähenden Hahn kein Lebenszeichen. Mitten im Ort entdecken wir Rauch aus einem Schornstein, kommt von einem sehr bescheidenen Haus in der zweiten Reihe. Wir machen uns bemerkbar, und unter der Tür erscheint eine alte Frau, wir grüßen höflich und fragen nach dem Weg nach Teciana. Den Wortschwall sortieren wir und fragen noch einmal nach: links oder rechts an der Kapelle (die wir gar nicht sehen). Auf keinen Fall links, sagt sie, rechts sei ein viel besserer Weg, aber wenn wir nach Tecina wollten, ob wir nicht besser ein Taxi….? Nein danke, wir laufen, und vielen Dank, Doña!

Wir folgen der Straße weiter nach rechts, sie endet, und an ihrem Ende beginnt ein schöner steingesäumter Pfad, mit weißen Punkten versehen. Links von uns haben wir aufgelassene Felder, terrassenfärmig angeordnet, rechts fällt es steil in den Barranco Tapachuga ab. Auf der gegenüberliegenden Talseite zieht sich die Straße nach Playa de Santiago hinab, wir sehen natürlich Taxis dorthin fahren.

Nach einer Pause wird der Weg stets etwas schlechter und enger, und auf einmal fehlen auch die weißen Markierungen. Noch vor 50 Meter haben wir eine passiert, ein dicker Punkt. Aber zeigte da nicht auch ein kleiner weißer Pfeil nach links? Zurück. Tatsächlich! Auf der Terrassenmauer links von uns sehen wir in einiger Entfernung wieder eine weiße Markierung. Also weglos über die aufgelassene Terrasse gelaufen, es ist ein wunderbar weicher Boden, staubtrocken, voller kleiner jetzt brauner Pflanzen und Gräser. Eine zweite Markierung taucht auf. Bei einem zufälligen Blick nach oben entdecke ich aber, dass alle Terrassenmauern solche Markierungen haben, die Markierungen bilden praktisch eine Reihe. Hier stimmt was nicht. Wieder die Karte zu Rate gezogen, wir waren ja den nicht rot markierten Pfad gegangen, der war auch auf der Karte nach links auf den roten Weg geschwenkt. Aber an dem Punkt hätten wir längst sein müssen, und war haben keinen Weg passiert. Etwa 150 Höhenmeter unter uns sehen wir voraus ein Haus, also darauf zugehalten. Auf einmal ist auch ein Weg da, wir folgen ihm, er führt aber wieder an die Barrancokante und vor uns tut sich ein ganz schmaler Grad auf, vielleicht 15 Meter lang, danach wieder breites Feld; rechts endlos in die Tiefe, links nicht endlos, aber ganz schön in die Tiefe.
Ich habe manchmal Höhenangst, hier hatte ich sie richtig. "Hier gehe ich nicht weiter". Ein Blick zurück mit dem weit über uns liegenden Tejiade und der noch viel höher liegenden Degollada de Peraza: Da wieder rauf, bei dieser Hitze? Meine Extra-Ration Traubenzucker habe ich schon gegessen!
Bild
Meine Frau schnappt sich meinen Rucksack und geht über den Grad. Sie ist ein Steinbock, ich das Gegenteil. Ich muss hinterher, überlege kurz, ob sicherheitshalber allen Vieren. Dann bin auch ich auf der anderen Seite, vor uns ein Felsstock, rechts tief unter uns eine Talsperre. Der Felsstock kann links umgangen werden, es ist auch fast wieder so etwas wie ein Weg zu erkennen. Vor uns in einiger Entfernung das Grün von Tecina, so nah und für uns noch so entfernt, wir auf einem stets schmaler werdenden Rücken, von dem ich weiß, dass er in einem steilen Abbruch enden wird.

Der Pfad wird deutlicher, rechts vor uns sehen wir unten eine Schotterstraße und einen Bagger. Dahin waren wir schon mal von Tecina aus gelaufen. Der ganze Berg ist wie eine einzige Geröllhalde, da kommt man doch nicht runter. Dann auf einmal eine zöllige Wasserleitung, die auf dem Boden liegend schräg nach unten führt. Ich überlege gerade, einfach an dem Ding festhalten und durch das Geröll nach unten hangeln, da sehe ich, dass doch etwas weiter eine ausgetretene Spur nach unten führt. Also in Kehren hinab, und endlich stehen wir unten auf dem Platz neben dem Bagger. So froh, heil unten angekommen zu sein, waren wir selten.

Schlimm war, dass wir jetzt von fast Meereshöhe auf der Straße wieder nach Tecina hochsteigen mussten. Das ist zwar nicht "hoch", aber demoralisierend; und das Seitentor war auch zu, also um die ganze Anlage herumlafen! Am nächsten Tag habe ich mir dann das Ganze aus der Gegenrichtung, von unten, angesehen. Ein aufsteigender Pfad ist da, auch eine Markierung, Beschriftung "SanSeb".

Was lernt uns das?

Seither haben wir immer, ganz gleich wie heiß es scheint, Fleece und Jacke im Gepäck, und wenn die Leute ob des vollen Rucksacks noch so erstaunt gucken, einen GPS mit Ersatzbatterien und eine genaue Karte griffbereit. Und auf über 2000 Meter Höhe auf Teneriffa immer langbeinige und –armige Funktionswäsche, ich habe mal in den Cañadas bei gleißendem Sonnenlicht elend gefroren, und das im Juni!
Und wir haben ganz viel an unserem Spanisch "getan".


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 Betreff des Beitrags: Re: Abstieg
BeitragVerfasst: 22.02.2008, 20:42 
gomerawanderer hat geschrieben:

Seither haben wir immer, ganz gleich wie heiß es scheint, Fleece und Jacke im Gepäck, und wenn die Leute ob des vollen Rucksacks noch so erstaunt gucken, einen GPS mit Ersatzbatterien und eine genaue Karte griffbereit. Und auf über 2000 Meter Höhe auf Teneriffa immer langbeinige und –armige Funktionswäsche, ich habe mal in den Cañadas bei gleißendem Sonnenlicht elend gefroren, und das im Juni!
Und wir haben ganz viel an unserem Spanisch "getan".


"Cortando huevos se aprende a capar"! :finga:


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 Betreff des Beitrags: Re: Abstieg
BeitragVerfasst: 22.02.2008, 22:38 
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Registriert: 14.11.2006, 20:56
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la rana hat geschrieben:

"Cortando huevos se aprende a capar"! :finga:

Und wir versuchen es hier ängstlich mit "Früh übt sich, was ein Häkchen werden will"
Das bezieht sich doch nicht auf die langbeinige Funktionswäsche?
Im Reise Know-How Verlag gibt es in der Reihe "Kulturschock", die über landesübliche Eigenheiten informiert, auch einen kleinen Band über Spanien. In sofern ist die eindeutige Bildersprache, vom kleinsten und geinsten Mann bis rauf zum König, nicht unbekannt.
Und in unserem Konservationszirkel hatten wir eine Professora, die stand so was von mitten im Leben, die kannte - und gab auch bekannt - die tollsten (spanischen/hispano-amerikanischen) Sprüche, mit Gramatik und Interpunktion. Und sagte hinterher immer "I like it". Me too.
Deine neue Signaturmaxime finde ich auch gut. Kommt jetzt jeden Tag eine neue? Ich brauche Sprüche!


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 22.02.2008, 22:53 
Nun gut, die Gomeros sind da nicht ganz so feinfühlig mit ihren Sprüchen. Aber ich finde er passt ausgezeichnet zu Eurer Erfahrung! :finga:
über die langbeinige Funktionswäsche möchte ich mich nicht weiter äussern, da der Frosch die mal im Schnee anhatte und für mittelgrosse Heiterkeitsausbrüche sorgte.

Las revoluciones se producen en los callejones sin salida. :supercool:


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BeitragVerfasst: 23.02.2008, 10:12 
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Registriert: 14.11.2006, 20:56
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la rana hat geschrieben:
... langbeinige Funktionswäsche, der Frosch (hatte) die mal im Schnee an und für mittelgrosse Heiterkeitsausbrüche (ge-)sorgt.

Ich hab ja noch eine mindest gleichlange richtige drüber.
Stell Dich mal an die Talstation der Teleferico (da hält der Bus zum Parador einige Minuten). Da kommen sie in den tollsten Klamöttchen an, und dann siehst Du einige, die klemmen sich hinter ihre Autotür und wurschteln herum, während andere für Sichtschutz sorgen. Die schminken sich nicht, die wissen, was sie oben erwartet.
la rana hat geschrieben:

Las revoluciones se producen en los callejones sin salida.

¡ de acuerdo ![/code]


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