BREMEN. Fünf Gutachter, drei Todesursachen - das ist die vorläufige Bilanz im Brechmittelprozess. In Saal 231 ist nach der der Sommerpause gestern mit dem 14. Verhandlungstag die Beweisaufnahme fortgesetzt worden. Neu ist dabei die Erklärung eines Sachverständigen, wonach der im Januar 2005 nach einer Brechmittelvergabe verstorbene Laye-Alama Condé letztlich einem Herzleiden erlegen sei.
Mit einem Berg an Beweisanträgen hatte die Verteidigung das Gericht vor der Sommerpause überrascht, als Beobachter die Beweisaufnahme bereits in der Zielgeraden sahen. Ursprünglich hatte die Kammer den Prozess noch vor den Ferien mit einem Urteilsspruch beenden wollen.
Eine Runde von fünf medizinischen Sachverständigen erörterte gestern die inzwischen fünf Gutachten zur Todesursache: zwei Pathologen und je ein Internist, Anästhesist und Radiologe. Völlig neu sind die Befunde des Berliner Pathologen Rudolf Meyer (71). Er hat unter anderem das Herz des Verstorbenen untersucht.
Einige Bereiche der Herzwand, so Meyer, seien um ein Vielfaches dicker gewesen als üblich - teils um den Faktor fünf. Dabei habe es sich um Bindegewebe gehandelt, mit großer Wahrscheinlichkeit als Folge früherer Vergiftungen. Diese Veränderungen, so Meyer weiter, seien typisch für Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Sie könnten aber genau so gut Folge des Umgangs mit Pestiziden sein.
Das Herz des Verstorbenen habe sich dadurch in einem so schlechten Zustand befunden, dass beinahe jede Stresssituation zum Tode hätte führen können, sagte Meyer und ergänzte auf Nachfrage: "Ich kann nicht ausschließen, dass auch andere, normale Umgangsweisen den Stillstand hätten auslösen können."
Zu einer ganz ähnlichen Diagnose war Meyer vor Jahren in dem bislang einzigen vergleichbaren Fall bundesweit gekommen, der sich in Hamburg ereignet hat. Damals hatte sie zum Freispruch geführt.
Mit Meyer widersprachen auch der Berliner Pathologe Volkmar Schneider, ebenfalls Gutachter in dem Hamburger Fall, und der in Berlin arbeitende Radiologe Karl-Jürgen Wolf der ursprünglichen Diagnose "Tod durch Ertrinken". Mit diesem Befund hatte ein Notarzt den Patienten in der Nacht des 27. Dezember 2005 in eine Klinik eingeliefert. Er ist Grundlage der Anklage, die dem Brechmittel-Arzt vorwirft, dem Verstorbenen im Rahmen einer Brechmittelvergabe im Polizeipräsidium per Magensonde so viel Wasser eingeflößt zu haben, dass dieser starb.
Der Bremer Internist Harald Rasche (68) teilt dagegen die Einschätzung des Notarztes und des Sachverständigen Klaus Eyrich, der den Gerichtsprozess vom ersten Tag an verfolgt. Am wahrscheinlichsten sei, dass Wasser in die Lunge eingedrungen ist und dort das Gewebe zerstört hat ("Lungenödem"). Das sei möglich, auch wenn nur vergleichsweise geringe Mengen Wasser aspiriert würden, sagte Rasche. In der Folge sei es zum Sauerstoffmangel im Gehirn gekommen und erst dann zum Herzstillstand. Andernfalls sei kaum zu erklären dass die Herztätigkeit mit der Beatmung sofort wieder eingesetzt habe.
Das Gericht berät derzeit sein weiteres Vorgehen. Die Verteidigung kündigte inzwischen an, falls weiter verhandelt wird, wolle sie einen Lungenfacharzt als weiteren Sachverständigen hinzuziehen.
Quelle: Weser-Kurier
Ist klar - in Polizeigewahrsam stirbt man nicht durch die "Behandlung".
Nobby





