Die Türkei will den Kampf gegen die kurdische Rebellen-Organisation PKK professionalisieren – und erwägt die Einführung einer Berufsarmee. Das könnte das Ende der Wehrpflicht bedeuten. Ein entscheidender Schritt. Denn im
ngen Wehrdienst formt das Militär die jungen Türken oft nach seinen Vorstellungen.Man sagt, Krieg verändert die Gesellschaft. Für die Türkei trifft dies sicherlich zu – im Kampf gegen die kurdische Rebellen-Organisation PKK will die Regierung neue Wege gehen, die längerfristig Auswirkungen auf tief verwurzelte Werte der Gesellschaft haben dürften.
m Kern geht es darum, den Kampf gegen die PKK zu professionalisieren. Künftig, so der Plan, sollen Berufssoldaten an der Front eingesetzt werden. Es ist ein Signal für eine umfassendere Abkehr vom Wehrdienst, hin zu einer Berufsarmee.
Das kann einen tiefen gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen, denn das Militär hat den 20 Monate
ngen Wehrdienst immer gezielt eingesetzt, um aus Rekruten Staatsbürger zu machen, die den republikanischen Idealen der Generäle entsprechen.Der Wehrdienst ist in dieser Ideenwelt der Schmelztiegel, in dem der "gute Türke“ entsteht. Um das zu erreichen, werden Vorlesungen über Atatürks Lehren und die türkische Geschichte gehalten, aber auch Fähigkeiten vermittelt – einst vor allem Lesen und Schreiben. Heute sind es eher technische Fähigkeiten wie Lkw-fahren.
Vor genau einem Jahr hatte das Parlament nach einem besonders blutigen PKK-Angriff dem Militär die Erlaubnis erteilt, den Feind nach Gutdünken auch in dessen Rückzugsgebieten im Nordirak anzugreifen.
Seither folgt eine große Militäraktion der nächsten, werden Luftangriffe geflogen, Drohnen und High-Tech-Sensoren eingesetzt – alles weitgehend wirkungslos (von den hohen Kosten abgesehen). Auch am gestrigen Dienstag, wie an jedem der letzten vier Tage, gab es massive türkische Luftangriffe gegen PKK-Ziele.
Die Demonstration der Stärke sollte jedoch nur kaschieren, wie vergeblich die Anstrengungen dieses Kriegsjahres geblieben sind. Am Freitag hatte die PKK mit mehreren Hundert Kämpfern einen türkischen Stützpunkt an der Grenze angegriffen und stundenlang belagert.
17 Soldaten starben, 18 weitere waren bei verschiedenen Zwischenfällen in den vier Wochen davor gefallen. Fast alle der Opfer sind arme junge Türken aus den Dörfern Anatoliens, sogenannte „Mehmetcis“, die ihren Wehrdienst leisten und schlecht trainiert, schlecht bewaffnet in schlecht befestigte Stellungen an der Front geschickt werden.
Solche Rekruten zahlen immer wieder den Blutpreis für die verfehlte Kurdenpolitik der Türkei – und die kurzsichtige Strategie des Militärs im Kampf gegen die PKK. Im Volk wird das Aufbegehren dagegen immer größer – so groß, dass das Militär mittlerweile um sein traditionell hohes Ansehen beim "einfachen Mann“ bangen muss.
Heute will das Parlament die Erlaubnis für grenzüberschreitende Angriffe verlängern. Auf irakischem Gebiet soll womöglich – in Absprache mit Bagdad und der kurdischen Autonomie-Regierung – eine 40 Kilometer tiefe Pufferzone eingerichtet werden.
So weiter gehen wie bisher soll es jedoch nicht, die Regierung will neue Wege gehen. Medienberichten zufolge sollen in diesem Jahr 7000 und dann weitere 8000 Berufssoldaten für neue Einheiten geworben werden. Ihr Gehalt soll bei 2000 Dollar liegen – eine stolze Summe für türkische Verhältnisse.
Wenn sich das Modell bewährt, dürften sich die Stimmen für einen raschen Ausbau dieser Berufsarmee mehren. Gegenwärtig sind mehrere Hunderttausend Wehrpflichtige im Krisengebiet eingesetzt. Einige tausend Berufsoldaten werden kaum ausreichen, die Wehrpflichtigen auszulösen.
Die "Nabelschnur zwischen der Armee und dem großen türkischen Volk“, wie die Wehrpflicht in der zuweilen etwas mystisch verbrämten Sprechweise der Militärs genannt wird, soll noch nicht gekappt werden. Die neuen Maßnahmen stellen aber eine Beschleunigung bestehender Pläne zu einer vollen Umstellung auf eine Berufsarmee dar. Für die islamisch geprägte Regierung ist es wünschenswert, weil so der Einfluss der vehement säkularen Armee auf die Gesellschaft sinken dürfte.
Für die Armee ist es wünschenswert, weil es für sie immer schwieriger wird, die schleichende islamische Unterwanderung in ihren Reihen zu unterbinden. Eine Berufsarmee würde es den Militärs erleichtern, eine gewisse weltanschauliche Homogenität bei den Streitkräften zu bewahren.
"Einen Zeitplan für die komplette Professionalisierung der Armee gibt es nicht“, sagt Militärexperte Gareth Jenkins. Bevor man dazu übergeht, wolle man den erforderlichen Kern bereits umtrainierter Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften schaffen. Außerdem sind die Generäle sich noch etwas unschlüssig – ungern wollen sie sich trennen von der "Nabelschnur“, andererseits sehen sie kaum noch eine andere Lösung.
Denn die Zeiten sind vorbei, da junge Türken erst dann schreiben und lesen lernten, als sie in eine Uniform gesteckt wurden. Die türkische Gesellschaft ist gebildeter und mündiger geworden, und es wird immer schwerer, den Rekruten das gewünschte Weltbild einzuimpfen.
http://www.welt.de/politik/article25429 ... -nach.html

