Eine deutsch-türkische Familie im EM-Fieber
Ihre Kinder haben drei Vornamen: Der erste ist international, der zweite türkisch – für den Papa – und der dritte katholisch – für die Mama.
Die deutsch-türkische Familie Soyubey aus Obermenzing wird beim Halbfinal-Spiel Deutschland gegen die Türkei am Mittwoch beide Mannschaften anfeuern. Und egal, wie das Spiel ausgeht – für die Soyubeys gibt’s nur Gewinner.
Papa Murat (47) ist – Ehrensache – für die Türkei. Falls seine Landleute rausfliegen bejubelt er die deutsche Elf im Finale. Mama Susanne (45) ist gebürtige Münchnerin, aber neutral wie die Schweiz: „Ich bin für die besseren Spieler.“ Ihre Kinder Samantha Sabiha Maria (11), Céline Dilara Sarah (8) und Benjamin Tamer (5, hat keine dritten Vornamen, „weil der erste schon katholisch genug ist“, sagt die Mama) haben ihre eigenen Fußball-Theorien (s. oben).
EM-Zeit ist für die Soyubeys wie für alle Fußballfans Ausnahme-Zeit. Normal spielen die Nationalitäten keine so große Rolle in der Familie. Wie lebt es sich jenseits vom Fußball-Fieber als deutsch-türkische Familie in München? „Natürlich gibt es viele Kontraste. Von den Namen bis zur Religion. Man muss eben kompromissbereit sein und Unterschiede akzeptieren“, sind sich die Eltern einig. Papa Murat – er ist selbständig mit einer Software-Firma – ist als sechs Jahre alter Bub aus der Türkei nach München gekommen. Mit seiner Susanne ist er seit 29 Jahren zusammen. Er war 18, sie 16. Geheiratet hat das Paar 1991 nach zwölf Jahren wilder Ehe in Miami/USA mit rosa Wolken und Rock’n’Roll. Aber die Soyubeys verzichten nicht immer auf Tradition: „Wir feiern christliche und muslimische Feste“, sagt Susanne. „Unsere Kinder glauben wie wir an Gott – aber wer sagt, dass Gott katholisch ist?“
Das Familienleben der Soybubeys leidet nicht unter den verschiedenen Kulturen. „Murat hat mir noch nie vorgeschrieben, was ich anziehen soll, oder früher versucht, mir das Ausgehen zu verbieten“, sagt Susanne, die im Laufe der Jahre türkisch gelernt hat. Und wie sieht’s mit dem Umfeld aus? „Probleme gibt es wenige – nicht mehr“, sagt Murat. „Ich hatte als junger Mann Schwierigkeiten. Mit 21 Jahren hat mich mal ein Kunde rausgeworfen, weil er sich nicht von einem Türken beraten lassen wollte. Aber in den letzten 15, 20 Jahren ist die Akzeptanz viel größer geworden. Es gibt nur noch wenige Menschen, die mich wegen meiner Herkunft diskriminieren. Die in gebrochenem Deutsch mit mir reden, obwohl ich einwandfrei spreche. Sie wissen es nicht besser und tun mir leid.“ Auch Mama Susanne stößt auf wenig Vorurteile. „Ganz am Anfang, als ich mit Murat zusammengekommen bin, waren meine Freundinnen skeptisch. Und bei der Geburt unserer zweiten Tochter hat die Hebamme tatsächlich gefragt, warum wir unseren Kindern zuliebe nicht meinen deutschen Nachnamen Graf annehmen.“
Und die Kinder, kommen sie gut zurecht? „Manchmal ärgern mich die Jungen in meiner Klasse und sagen, dass Türken doof sind“, gibt Samantha zu. „Aber ich hör’ nicht darauf. Die waren bestimmt noch nie in der Türkei und wissen nicht, wie freundlich die Leute dort sind und dass nur ganz wenige Mädchen Kopftuch tragen. Ich ja auch nicht.“
Das Halbfinal-Spiel schaut sich Familie Soyubey mit deutschen Freunden daheim in Obermenzing an. „Unsere Bekannten haben sich Döner zum Abendessen gewünscht“, sagt Susanne Soyubey. Ob’s schmeckt und wer bei welchem Tor am lautesten jubelt, steht nach dem Spiel in der tz.
http://www.tz-online.de/de/aktuelles/mu ... 41573.html

