Borderline-Syndrom
Statt Schnitte in die Haut ein Biss in die Chilischote
Von Brigitte Roth
DruckenVersendenVorherige Seite
Allein: Wie die Protagonistin des gleichnamigen Films fühlen sich viele Borderline-Patienten ihren Emotionen hilflos ausgeliefert
08. Februar 2008 Zuerst ritzte er sich heimlich mit einem Taschenmesser in die Haut. Später schnitt sich der gläubige Junge oft ein Kreuz ins Fleisch – in der Hoffnung, das werde den enormen Druck abbauen, den er in sich fühlte. Wenn die Spannung nicht mehr auszuhalten war, kam er auf die verrücktesten Ideen. Manchmal setzte er sich aufs Fahrrad, raste mit verschlossenen Augen und freihändig eine abschüssige Straße mit vielen Querstraßen hinunter. Einmal hatte er einen Unfall, bei dem er wie durch ein Wunder nur leicht verletzt wurde.
Noch immer kämpft Markus Peters (Name geändert) hin und wieder gegen diese quälende Unruhe. Dank therapeutischer Einzelsitzungen und dem regelmäßigen Besuch einer Gruppe für Menschen mit Borderline-Störung in der Institutsambulanz der Klinik Hohe Mark kann er nach eigenem Bekunden inzwischen aber besser mit solchen Attacken umgehen. Die Anfälle seien zudem schwächer und seltener geworden. Früher habe er oft eine Viertelstunde oder länger am ganzen Körper gezittert, der Schweiß sei ihm ausgebrochen, und er habe sich auf nichts mehr konzentrieren können. „In diesem chaotischen Gedankenwirrwarr war ich unansprechbar.“ Auslöser für eine Krise konnten Kleinigkeiten sein: ein seltsamer Blick seines Gegenübers im Bus, eine Bemerkung, die seinen wunden Punkt traf.
Bereitschaft, das Leben wegzuwerfen
Den Drang, sich selbst zu verletzen, hatte der heute Zweiundvierzigjährige schon als Kind verspürt, zum ersten Mal, als die Eltern sich überraschend trennten. Damals war er neun Jahre alt. Im Lauf der Zeit, sagt er, „steigerte sich die Bereitschaft, mein Leben wegzuwerfen“. In seinem Tagebuch nannte er das „Todessehnsucht“. Die Selbstzerstörung nahm immer neue Formen an, bald kamen Alkohol und Drogen dazu: „Ich nahm die ganze Palette von Haschisch bis Heroin.“ Kein Arzt, kein Psychologe konnte ihm helfen. Rückblickend meint Peters, bei den Therapien habe stets die Diagnose „Sucht“ im Vordergrund gestanden, doch in diesen Kliniken „war ich fehl am Platze“. Fast 20 Jahre exzessiven Rauschmittelkonsums liegen hinter ihm, seit vier Jahren ist er clean.
Zum Thema
Borderline-Störung: Vom richtigen Umgang mit seelischen Grenzgängern
Angstforscher im Interview: Schüchterne lieben besser
Jetzt machen ihm noch die Borderline-Störung und seine Magersucht zu schaffen. Peters wiegt bei einer Körpergröße von 1,76 Metern keine 50 Kilogramm. „Ich wäre am liebsten so dünn, dass ich quasi verschwinde, nicht auffalle.“ Zwar seien die Zeiten, da er tagelang keinen Bissen zu sich genommen habe, vorbei, „doch von drei Mahlzeiten am Tag bin ich noch weit entfernt. Eine Mahlzeit schaffe ich immer.“ Was für ihn eine „Mahlzeit“ ist, verrät er nur ungern. Denn dass ein „bisschen Gemüse, Reis und Salat“ nicht das sind, was man gemeinhin unter einem richtigen Essen versteht, weiß Peters.
Dennoch gibt es für ihn Wichtigeres, als zuzunehmen. Er will sich nicht mehr selbst schaden müssen, um den inneren Druck zu mindern, sondern das anwenden, was er in den wöchentlichen Gruppensitzungen unter Leitung der Psychologin Eva Schnabel in der Ambulanz an der Burgstraße gelernt hat. Schnabel ist spezialisiert auf die Therapie von Patienten mit Borderline-Störung. Peters sagt, er sei „unglaublich froh“ gewesen, als sein Leiden vor vier Jahren endlich einen Namen bekommen habe und „ich nicht mehr immer alles von vorne erzählen musste“.
Teezeremonie als Stressabbau
Für den Fall, dass die Anspannung unerträglich wird, hat Markus Peters inzwischen mehrere Taktiken entwickelt. Er habe dabei viel von anderen Betroffenen gelernt, sagt er. Die Gruppe sei für ihn aber auch deshalb wichtig, weil sie ihm immer wieder das Gefühl gebe, „nicht alleine dazustehen mit diesem Problem“. Peters weiß, dass er sich in heiklen Situationen mit allen seinen Sinnen auf etwas anderes konzentrieren muss. Das gelingt ihm zum Beispiel durch das Zubereiten, Schmecken und Riechen von Tee. Auch Bewegung helfe, Schwimmen oder zügiges Gehen etwa. Als Streetworker mit Ein-Euro-Job ist der Jugend- und Musikpädagoge ohnehin viel unterwegs. Noch wagt er es nicht, sich auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bewerben, zu groß ist die Angst zu versagen. Doch früher oder später, da ist er sicher, wird er diesen Schritt wagen. Dass er seine frühere Anstellung verlor, hatte nichts mit seiner seelischen Erkrankung zu tun: Die Einrichtung, in der er tätig war, hatte schließen müssen.
Markus Peters hat schon so viel geschafft, dass Dietmar Seehuber, Chefarzt der Klinik Hohe Mark, fest an weitere Fortschritte glaubt. Mit Hilfe von Therapie und Verhaltenstraining über längere Zeit ließen sich die Symptome in den Griff bekommen. „Leben gewinnen“ ist dabei die Devise des Psychiaters.
Mitten im Berufsleben stehen viele Patienten schon jetzt, weshalb sich in der Ambulanz auch abends eine Borderline-Gruppe trifft. Am Schreibtisch im Büro sind Teezeremonien als ungefährliche Methode zum Stressabbau ebenso unangebracht wie das Lutschen von Chilischoten oder das Auflegen von Eisbeuteln. Doch kaum jemand wird sich über einen Kollegen wundern, der einen Igelball in der Hand hält. Das feste Drücken dieser mit Noppen gespickten Gummibälle hat sich bei Borderlinern ebenfalls als wirksames Ventil erwiesen.
Text: F.A.Z.
Chaos der Gefühle
Eine Borderline-Störung geht unter anderem einher mit ausgeprägten Stimmungsschwankungen, einer großen Instabilität im Alltagsleben, einem diffusen Gefühl der inneren Anspannung und einem destruktiven Verhalten. Die Patienten fügen sich Schmerzen und Verletzungen zu, zerstören sich körperlich und seelisch, oft auch durch exzessiven Drogenkonsum. Um die Diagnose zu stellen, werden die Kranken eingehend nach Symptomen und Vorgeschichte befragt. Die „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung“, so der Fachausdruck, hat verschiedene Ursachen. Vor allem Veranlagung, Umwelteinflüsse und die Beziehungen in der frühen Kindheit spielen eine Rolle. Dietmar Seehuber, Chefarzt der Klinik Hohe Mark in Oberursel, der auch die Institutsambulanz in Frankfurt leitet, hat in den vergangenen Jahren eine drastische Zunahme der Fälle beobachtet, in denen sich Jugendliche selbst Verletzungen zufügen.
Häufig wachse sich dieses destruktive Verhalten später zu einer Borderline-Störung aus. Das vermehrte Auftreten der seelischen Erkrankung erklärt der Psychiater mit einer Zunahme von Belastungen in der Kindheit (etwa Scheidungen oder Misshandlungen) und einer Abschwächung von stabilisierenden Faktoren (familiäre Bindungen zum Beispiel). Die heutige Gesellschaft mit ihrer Tendenz zur Polarisierung biete einen „idealen Nährboden“ für eine instabile Persönlichkeitsstörung, so Seehuber. Zudem werde die Erkrankung heute häufiger erkannt. Nach Auskunft des Arztes sind die Patienten nicht in der Lage, Gefühle wie Wut oder Scham einzuordnen und zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen entstehe eine enorme innere Anspannung. Erleichterung versuchten sich die Betreffenden dann zum Beispiel durch das Ritzen der Haut zu verschaffen. Ziel einer Therapie sei es vor allem, geeignete Strategien zu entwickeln, die über die Krisen hinweghelfen, ohne zu schaden.
http://www.faz.net/s/RubFAE83B7DDEFD4F2 ... googlefeed