Moderne Liebe: Oli und seine Schwestern
von Güzin Kar
Oli wäre gerne ein Verführer. Ein bisschen klappt es auch. Die Frauen treffen sich gern und oft mit ihm, denn er weiß Trost und Rat bei Liebesschmerz und Rückenweh, Selbsthass und Fremdgang, krummen Beinen und krummen Gefühlen. «Und dann nehmen sie mich fest in den Arm und sagen: <Mit dir kann man so gut reden. Du bist wie ein Bruder für mich.> Ich habe schon mehr Schwestern als Ali Baba und die vierzig Räuber.»
Was Oli aber am meisten nervt, ist der schmatzende Abschiedskuss auf die Wange. So einer, der aus Mitleid übergewichtigen Kindern, dementen Alten oder behinderten Hunden aufgedrückt wird und der in etwa sagt: «Du bist zu hässlich zum Lieben, aber zu nett, um eingeschläfert zu werden.» So geht Oli Abend für Abend alleine heim, legt sich ins Bett und fragt sich, was in seinem Leben falsch läuft.
«Es war schon immer so. Als Kind ließen mich die Mädchen mit ihren Barbies spielen — und mit vierzehn wurde ich als einziger Junge zum gruppenweisen Klobesuch mitgenommen, wo ich ihre Täschchen halten durfte.» — «Du bist zu harmlos», sage ich, «und zu verfügbar. Wir Frauen wollen aus unerfindlichen Gründen vor Telefonen warten gelassen werden.» Oli wiegelt ab. Er habe sich auch schon rargemacht und eine Frau wochenlang nicht zurückgerufen, «genau wie Profi-Arschlöcher es tun». — «Und?» — «Nichts <und>. Als ich anrief, ging ein fröhlicher Heinz ran, der inzwischen befugt war, ihre Telefonate und Gefühle zu verwalten und in Wir-Form zu sprechen.»
Oli verwaltet hingegen den Schrott, der übrigbleibt, nachdem Heinz weitergezogen ist. Und während der an anderen Apparaten die Wir-Form einübt, sitzt Oli mit einer jammernden Frau an einer Theke, redet ihre Beine schön und zählt die Vorteile der Ichform auf, an die er selber nicht glaubt. «Ich bin eine mobile Kehrichtverbrennungsanlage. Man füttert mich mit Müll, und ich spende Wärme.»
Sobald die Laune an der Theke sich hebt, die Witze ins Frivole kippen, rechnet Oli sich Chancen auf eine heisse Nacht aus. «Und jedes Mal wieder dieser Bruder-Quatsch!» Doch nun hat er genug. «Okay, Schwesterchen», sagte er neulich, «dann will ich mein Erbteil. Und einen Inzest mit Folgen. Beides aus purem Familiensinn und zur Erhaltung der Sippe.»
Seither hat Oli eine Verwandte ersten Grades weniger.
(Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Regisseurin. Mehr von Güzin Kar auf
www.guzinkar.com)
Quelle: Weltwoche Nr. 44.07