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Es ist schon älter und ich habe es vor ein paar Jahren schon mal gepostet, aber da viele Neue seitdem hinzugekommen sind und ohnehin so wenig los ist dass der Anspruch an etwas Füllmaterial gesenkt werden muss, hier nochmal eine kleine Geschichte die ich beim ausmisten meiner Festplatte gefunden habe.
Die Liebe zu Vögeln
Mein kleiner Wellensittich hat es mir neulich wieder mal vorgemacht: Der vernünftigste Mann macht sich im Kontakt zu Frauen zum Deppen. Er muss das machen, weil die darauf bestehen.
Ich und mein Vogel haben uns in unserer Junggesellen-WG notgedrungen recht komfortabel eingerichtet. So selten wie Frauen im heiratsfähigen Alter, so selten kommen auch geschlechtsreife Wellensittichinen in unser kleines Reich - und umgekehrt kommen auch wir nicht häufig vor die Tür.
So manchen Fußballabend haben Gerd (so heißt er) und ich schon fachsimpelnd bei Bier und Chips vor der Glotze verbracht. Ich schätze seine Gesellschaft sehr, weil er im Vergleich zu mir nicht besonders viel trinken muss um knülle zu werden und auch nicht am Klo vorbei kotzt, wie das früher der eine oder andere menschliche Kumpel geschafft hat.
Zwar verstehe ich nicht immer was er mir ins Ohr zwitschert, doch war das mit meinen lallenden Kumpels nicht wesentlich anders - und außerdem klingt es meist ziemlich vernünftig was Gerd sagt. Eben aus der Vogelperspektive und daher von seinem Standpunkt aus betrachtet absolut okay.
Neulich aber wurde unser friedliches Leben zwischen Fertiggerichten und ungebügelten Hemden etwas durcheinander gebracht. Eine ältere Nachbarin musste für ein paar Tage ins Krankenhaus und bat mich darum, ihrer Wellensittichdame "Hansi" derweil Asyl zu gewähren. Die Tochter, die sich sonst bei Abwesenheit um den Vogel kümmert, war leider verreist.
Kein Problem für Gerd und mich. So ein kleiner Vogel nimmt ja nicht viel Platz weg. Außerdem kann Hansi nichtmal richtig fliegen weil sie fast immer im Käfig sitzt und nur selten auf dem Finger ihres Frauchens die freie Zimmerluft schnuppert. Gerd hingegen sieht seinen Käfig nur zum Fressen und nachts zum schlafen. Den Rest der Wohnung betrachtet er als sein persönliches Wohnklo und er sucht und findet täglich neue Orte um Zerstörungen anzurichten.
Es deutete alles darauf hin, dass die gute Hansi von der rauhen aber herzlichen Atmosphäre bei uns etwas verschüchtert würde, und Gerd und ich nahmen uns vor uns mit zotigen Witzen etwas zurück zu halten.
Gerd ist ziemlich leutselig und so wunderte es mich nicht, dass er die Besucherin sogleich voller Neugier in ihrem Käfig besuchte (ich hatte ihn aus Prinzip aufgemacht). Hansi gab sich damenhaft zickig und floh quer durch den Käfig als Gerd sich näherte. Doch dann begab es sich in seltsamer Weise, dass Gerd sich aufplusterte, einen seltsamen Tanz aufführte und mit merkwürdigem Geflöte untermalte. Ich hatte so was schon mal in einem Tierfilm gesehen und wusste daher, dass es sich um eine Art Balztanz handelte. Dieser Verräter! Gerd, den ich immer für den vernünftigeren und abgeklärteren Teil unseres Teams gehalten hatte, gedachte die erstbeste Gelegenheit zu nutzen um ein Weibsstück flachzulegen.
Ich dachte immer er sei so unrhytmisch wie ich, aber er legte diesen Balzdance hin als ob er sein Leben lang nichts anderes getan hätte. Es muss ihm im Gegensatz zu mir in den Genen liegen. Dabei kümmerte es ihn nicht, wie lächerlich sein Getue auf alle Zuschauer wirkte. Sogar die Stubenfliegen schauten sich kopfschüttelnd an, was der grün-gelbe Spinner da für eine Show abzog. Vor einer Stunde noch ein rülpsender Bierproll der seinem Spiegelbild mit dem Flügel obszöne Gesten zeigte, imitierte Gerd nun den Herrscher der Lüfte, der mit stolzgeschwellter Brust um seine Angebetete herumtänzelt und sie mit schönklingendem Blödsinn zuquatscht.
Und Hansi? Die reagierte zunächst typisch weiblich: Ging scheinbar auf Distanz und sah sich Gerds Getue mit dümmlich-arrogantem Gesichtsausdruck an. Mit der Zeit gab sie ihre Ausweichbewegungen aber auf und besah sich mit fachkundigem Blick Gerds Balz-Choreographie. Schliesslich begann Gerd sie zu füttern, und - unfassbar - die Ziege liess sich davon beeindrucken. Okay - bei freifliegenden Wellensittichen in der australischen Savanne mag es eine gewisse Notwendigkeit sein, dass der Mann im Nest das Futter nicht nur sucht sondern auch zu teilen bereit ist. Aber HIER? Die tausendste Generation in Gefangenschaft aufgewachsener Wellensittichfrauen müsste doch langsam geschnallt haben, dass von dem Scheißfutter im Käfig mehr rumliegt als sie fressen können und auch ein einbeiniger, blinder Wellensittichmann in wenigen Minuten mehr als ausreichend davon zusammenzusuchen vermag. Mehr noch: Sie selber würden spielend genug davon finden, wenn sie ihren faulen Arsch auch nur 20cm weiter auf die nächste Stange bewegten, was sie außerhalb der Flirtzeiten auch problemlos hinbekommen.
Es stünde also nichts im Wege, ihre Beziehungssuchkriterien etwas zu modifizieren. Aber nix ist! Ein intellektuelles Wellensittichmännchen kann clever genug sein selbst den Käfig aufzumachen und sich telefonisch eine Hirse-Pizza zu bestellen. Es kann auch einen Doktor in Philosophie haben oder Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik sein - mit alldem kann es sich den Hintern abwischen wenn es nicht tanzen kann und den Tussen nicht den ritualisierten Blödsinn erzählt den sie offenbar hören wollen. Wellensittiche haben sich offenbar deshalb seit zigtausend Jahren nicht weiterentwickelt, weil minderbegabte Männchen mit großem Schnabel und bedeutungsloser Gestik alles wegknattern was Federn hat und kein Indianer ist.
Manchmal habe ich den leisen Verdacht, dass es sich bei uns Menschen nicht wesentlich anders verhält :-/
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