Was regt sie überhaupt auf. Oh, ich denke, da gibt es schon genug. Wenn sie sich eingeschränkt fühlen, bevormundet durch den Staat oder wen auch immer, wenn man ihnen ihre Bequemlichkeiten nehmen will – ihren Schwatz bei einem Kafedaki, einem Käffchen in schöner Atmosphäre, mitten am Tage. Wenn dann plötzlich vor ihnen einer auftaucht mit einem Schild vor dem nackten, mit vielen Narben und einem frischen Verband versehenen Bauch – „ Είμαι άρροστος, χρειάζομαι λεπτά για να αγοράσω φαρμακό - Ich bin krank und brauche etwas Geld, um mir Medikamente kaufen zu können.“
Sie schauen weg, doch das Schild folgt ihnen, der Kranke geht einfach nicht weg.
Wir verziehen uns für einen Tag aus dem Dunst der Großstadt, fahren mit der U-Bahn hinaus nach Piräus, um dort Seeluft zu atmen. Bereits am Bahnhof – es ist Sonntag – Unmengen von ausländischen Immigranten, die ihrerseits irgendwelche Waren versuchen feilzubieten, die an den Straßenrändern stehen und so gar nicht ins Bild passen, das auf der anderen Seite die Damen zeigt, die aus der Kirche kommen. Irgendwie stehen wir plötzlich vor einem Kiosk, an dem die Abfahrtszeit für die Fähre nach Aegina angeschrieben ist. Und unser Entschluß ist schnell gefaßt. Wir lösen die Tickets, gehen an Bord, und die Fähre legt ab.


Eine reichliche Stunde braucht sie, bis sie in Aegina anlegt. Wir wollen am gleichen Nachmittag noch zurück, haben leider nicht genug Zeit, die Insel näher in Augenschein zu nehmen. Der Yachthafen ist riesig; hier werden die Athener ihre Sommerdomizile haben und die Wochenenden lieber auf See oder am Meer als in der stickigen Hauptstadt verbringen.
Es gibt hier einen Markt, auf dem fangfrischer Fisch verkauft wird, die Taverne gleich daneben. Und wieder freue ich mich, hier zu sein, mir Χόρτα βουνού – wörtlich übersetzt Gras aus den Bergen – als Beilage servieren zu lassen. Das einfachste aller Lebensmittel, gedünstet, mit Salz und Zitrone verfeinert. Was will man mehr.
Für mich gabs Kalamari, gegrillt.

Am Montag streiken die U-Bahn-Mitarbeiter für volle 4 Stunden, mitten am Tage. Da es die Griechen nicht zu erschüttern scheint, sagen wir uns auch, wir haben Urlaub, und nehmen uns zum 3. Male die Akropolis vor. Wir kennen sie von 1992 und 1999. Mitten aus der Betonwüste erhebt sich dieser Hügel, Jahrhunderte alt, erhaben thront er über der Hauptstadt und wird nur noch überragt vom Lykavittos Hill.
Und wieder bin ich überwältigt. Sowohl von der Wucht, der Gewaltigkeit der „oberen Stadt“, als die sie einst gebaut wurde, als auch von der Kunst der Restauratoren heute, aus Fragmenten wieder komplette Bausteine zu zaubern, bin überwältigt von der Bautechnik da oben – ich, die ich keine Ahnung habe. Da sind Kräne auf Schienen installiert, das Hochmoderne neben dem Jahrhundertealten. Millimetergenau werden Bausteine angehoben, horizontal wie vertikal jongliert und paßgenau eingefügt. Der Mensch steht lediglich daneben und drückt ein paar Knöpfe seiner Fernbedienung. ... sage ich, die ich keine Ahnung habe.
Hätte hier gern mehr Bilder reingestellt, die sind vom Dateiformat aber alle zu groß :((



Und aus jahrhundertealten Bausteinen am Parthenon sprießen grüne Kletterpflanzen empor, recken sich zum Licht.
Tja, man fragt sich trotzdem – wie lange wird es noch dauern, bis sich die Graffiti-Künstler auch hier ausprobieren werden, ob sie wohl überhaupt den Respekt vor dieser menschlichen Arbeit überwinden werden. Hoffentlich nicht.
Athen – wenn ich jetzt zurückdenke, wächst trotzdem schon wieder Sehnsucht. Nach diesem Land, nach seinem südländischen Lärm, nach der Quirligkeit der Straßen – auch nach dem nicht-Perfekten. Nach dem, das niemals „deutsch perfekt“ sein wird. Geht auch mit halber Kraft, geht auch mit Provisorien, die ein Leben lang halten.
Σιγά, σιγά – immer mit der Ruhe.
Irgendwann entdecken wir in der Nähe unseres Hotels sogar die Taverne Megalos Alexandros – der Name inspiriert natürlich, dort unbedingt hineinzuschauen. Wir wollen griechisch essen, wie die Einheimischen, wir wollen kein amerikanisches fast food.
Die Speisekarte bietet wirklich Einheimisches und ist in mindestens 10 Sprachen übersetzt. Dementsprechend die Gäste – ob es Dienstreisende sind oder Touristen, keine Ahnung. Der Mann am Nachbartisch scheint täglich hier zu essen, wir unterhalten uns ungeniert über sein Esstempo und stufen ihn als Briten ein, dem Aussehen und der Körperfülle nach zu urteilen.
Ich ordere – natürlich in griechisch – ein weiteres Glas Weißwein für mich; die Kellnerin ist begeistert und fragt, woher wir kommen. Απο τη Γερμανία, aus Deutschland, antworte ich, worauf sie sich an den Herrn am Nebentisch wendet und ihm freudig zuruft „Oh, look, these lady comes from Germany too, and she speaks Greek, fluently!“ Naja, wir haben uns dann schon überlegt, ob wir vorhin nicht zu laut waren im Gespräch ...
Es ist Dienstag, noch knapp zwei Tage liegen vor uns. Die Höchsttemperatur des Tages liegt bei 25 °C, schnell entschließen wir uns, wieder nach Piräus zu fahren, ans Wasser.
Nicht ganz so weit wie Aegina liegt die Insel Salaminas von Athen entfernt; hier legt die weitaus kleinere Fähre stündlich ab und kehrt stündlich zurück. Der Dampfer nimmt eine andere Route, wir durchqueren den riesigen Hafen von Piräus, vorbei an Frachtschiffen aller Herren Länder, an Lotsenbooten, die riesige Tanker in den Hafen geleiten, vorbei an Dutzenden Schiffen, die vor dem Hafen vor Anker gegangen sind und noch warten müssen, bis sie ihre Fracht löschen können.
Vorbei an dem Hafen, wo Schiffe der griechischen Marine liegen und auf ihren Einsatz warten.
Die Fähre ist kleiner als die nach Aegina, und jetzt im November kann man die Passagiere zählen.


Gemächlich steuert der Käpt’n den Hafen an, und ich traue meinen Augen kaum – er hat die Beine neben dem Amaturenbrett hochgelegt und bewegt mal eben mit linker Hand das Steuer; mit der rechten? Na was schon. Er telefoniert.

Beim Anlegen hilft ihm ein vielleicht 13Jähriger, den ich vorn am Bug überrasche, als er ganz selbstvergessen tanzt, zur Musik seines MP3-Players. Orientalische Popmusik, wenn es so was gibt. Er ist kurz verlegen. Nur kurz, dann kümmert er sich nicht mehr um mich und übt weiter.
Salaminas ist kleiner, ländlicher, überschaubarer, weniger „protzig“ als Aegina. Aber wir haben Herbst, die Touristen sind weg, also wird auf der Insel wieder gebaut, instand gesetzt, gearbeitet.
Wir finden nicht so schnell eine gemütliche Taverne, von welcher aus man geruhsam aufs Meer schauen kann. Dazu müssen wir laufen, einige Kilometer, und endlich finden wir ein Kafeneion direkt am Meer, wo es auch Bier gibt.
Der Hund des Besitzers liegt zu unseren Füßen und schläft in der Sonne. Überall kleine Bootsstege, wo die einheimischen Fischer ihre Boote festmachen – weniger für Touristen.
Eine ältere Frau schaut nach ihrem Bootssteg, räumt einigen Unrat aus dem Sand weg, den die Wellen an Land gespült haben – Plasteflaschen, irgendwelche Pappen, einen kleinen Teppich – und wirft alles auf das Nachbargrundstück. Zufrieden stemmt sie nach getaner Arbeit die Arme in die Hüften und schaut aufs Meer. Sehen Sie, unser Grundstück ist sauber.
Es wird Generationen dauern, dieses Denken zu verändern.
Die Kirche, im oberen Dorf gebaut, ist der Ort, von deren arkadenartigen Balkonen aus man den schönsten Blick über die Bucht, einen Teil der Insel und das Festland hat. Offen ist die Kirche nicht, dafür hängt an der Tür ein Schild mit den Telefonnummern des Sicherheitsdienstes.



Zurück in der Nikiforou, in unserem Hotel sehen wir, heute sind die Straßen so gut wie sauber, die Straßenreinigung war offenbar gerade da gewesen. Die ausländischen Immigranten stehen wie immer in Grüppchen und unterhalten sich, rauchen, telefonieren.
Noch gibt es nur wenige Wortwechsel zwischen ihnen und den Einheimischen.
Noch sind die Griechen nicht aggressiv den Fremden gegenüber.
Nachdenklichkeit ist geblieben nach 5 Tagen Athen. Die Welt verändert sich, die Menschen verändern sich. Dieses Immer-mehr-wollen, es hört nicht auf, es funktioniert wie ein Naturgesetz. Vom Niederen zum Höheren. Über die Definition „Was ist das Höhere“ ist man sich eben nur nicht klar. Wenn „das Höhere“ nur als Konsum interpretiert wird – dann gute Nacht, für uns alle, für die Welt insgesamt.
Kann man es den Immigranten verdenken, daß sie auch ein Stückchen abhaben wollen von dem, was es in wenigen Ländern im Überfluß gibt. Ein Stückchen Existenz zurückhaben wollen – deren Grundlagen ihnen auch Europa genommen hat. Konsum ist die eine Seite, Menschlichkeit und Überleben die andere. Die eine Seite scheint eine Spirale ohne Ende zu sein – wenn wir nicht aufpassen, wird sich die Spirale auf Kosten der anderen Seite immer schneller drehen.