5 Tage Athen 2008. Ein anderer Reisebericht.

Tipps und Reiseberichte

Moderator: Aristoteles

5 Tage Athen 2008. Ein anderer Reisebericht.

Neuer Beitragvon Syrinx » Sonntag 23. November 2008, 13:04

Hallo,
diejenigen, die Berichte über Museumsbesuche und Ausgrabungen erwarten, werden sicher enttäuscht.
Wir haben wiedermal Athen erlebt, wieder anders, und indem ich das nachfolgende aufgeschrieben habe,
konnte ich es auch verarbeiten.

Ich hatte Anfang November einige Tage freigenommen, schnell waren Flüge nach Athen gebucht. Natürlich, immer. Ich liebe dieses Land, seine Menschen, seine Sprache. Und ich bin dort lieber als hier.

Athen, Hauptstadt, Hafenstadt. Quirlig, Beton über Beton, in dem sich die Hitze staut, Grünflächen innerhalb der Stadt sind rar und daher beliebt. Die Einheimischen, die dir begegnen – ich finde sie schön, Frauen wie Männer. Stolz, selbstbewußt. Ich genieße das, was ich in Deutschland vermisse – den unbedingten Respekt Jüngerer gegenüber Älteren, die Gelassenheit, mit der sie alles tun (oder nicht tun), das Nicht-perfekt-sein-wollen. Die Neugier und Offenheit, mit der sie Fremden begegnen.
Den Stolz auf ihre Nation, der sich in den Traditionen äußert, in der aktuellen Musik,
deren Texte noch auf das Englische verzichten.
Die Sprache natürlich, die eine unheimliche Faszination ausübt. „Es kommt alles aus dem Griechischen“, der Satz aus „My big fat Greek Wedding“ stimmt schon irgendwie. Jeden Tag entdeckst du neue Wörter, deren zusammengesetzte Teile bei genauem Hinsehen ihre griechische Herkunft offenbaren. Logisch.

Bild
Viele Grüße
Syrinx

Man sollte im Leben nicht zu früh nach Griechenland kommen, sonst sieht man nichts anderes mehr von der Welt.
Benutzeravatar
Syrinx
Reiseleiter
Reiseleiter
 
Beiträge: 590
Registriert: Montag 5. November 2007, 12:19

Re: 5 Tage Athen 2008. Ein anderer Reisebericht.

Neuer Beitragvon Syrinx » Sonntag 23. November 2008, 13:23

Athen. Beeindruckend wie immer, aber ich habe es anders in Erinnerung.
Die Hilfesuchenden, die, die überleben wollen in Europa und mit wagehalsigen Bootsfahrten über’s Meer dahin fliehen – sie sind einfach nicht mehr zu übersehen.
Es werden mehr und mehr, diese Flut von Menschen ist wie eine große Welle, die das Land überschwemmt, sich zurückzieht, stetig wiederkommt und neue Menschenmengen an Land spült. Die glauben, in Europa eine Heimat zu finden, ein Auskommen, eine Existenz. Aber Europa will sie nicht. Will nicht ihre Arbeitskraft, findet tausend Ausreden, um nicht zusammenrücken zu müssen. Die Europäer glauben, genug eigene Probleme zu haben, die auch ihre Existenz bedrohen.
Sie glauben das wirklich.
Athen ist anders jetzt, voller Immigranten, illegaler, die sich mit Straßenhandel die Zeit vertreiben, die nur beieinander stehen, rauchen, trinken – junge Männer, weniger Frauen. Eine Stadt, durch die man abends nicht mehr gern allein geht. Überall liegt Müll herum, du trittst auf Essensreste, der Gestank des Tages liegt noch in den Straßen, abends, wenn es kühler wird. Die Stadt riecht im Inneren, dort, wo kein Grün ist, permanent nach Chlor – wenn man die Straßenreinigung dort sieht, weiß man warum. Ohne Chemie wird man den Dreck, die Abfälle, die Verschmutzungen nicht bewältigen. Die logische Folge sind Ungeziefer, Krankheiten.
Abfälle, die nicht nur die Immigranten verursachen.
Bekannterweise haben auch die Griechen zu ihrer Umwelt ein eher lockeres Verhältnis.



Unser Hotel war in der Innenstadt, in unmittelbarer Nähe zum Omonia-Platz. Ich habe im Taxi noch mit dem Fahrer geschwatzt und er sich gefreut, daß ich mich etwas auskenne. Ein riesiger Kreisverkehr, doch ich hatte ihn anders in Erinnerung.


Noch am letzten Tag suchte ich den Läufer, den ich von 1992 kannte. Eine Figur, überlebensgroß, aus Dutzenden von grünen Basaltplatten zusammengesetzt, die in ihrem Profil einen laufenden Mann darstellte.
Jetzt ist er weg, ich habe nicht herausbekommen, warum. Der Platz wurde in den Jahren unterhöhlt, beherbergt jetzt eine U-Bahn-Station, und obendrauf stehen Bänke, Grünanlagen.


Bild

(Dieses Foto ist älteren Datums)
Abgasgestank, Sonne, der du nicht ausweichen kannst, dumpfe, muffige Luft, die aus den Gullis heraufsteigt. Straßenverkehr, der zwar jetzt im November im Abflauen ist, trotzdem aber kaum beherrschbar für unsereinen. Ich bin unsicher, irritiert und möchte hier niemals selbst Autofahren – die Griechen sehen es locker, überqueren bei Rot die Straße, essend, trinkend, telefonierend.
An den stinkenden Autokolonnen knattern Mopeds und Motorräder vorbei, sich geschickt hindurchlavierend – und wir staunen immer wieder, daß weder ihnen etwas passiert noch den wagehalsigen Fußgängern, die sich um hupende Autos nicht scheren und einfach die Fahrbahn betreten. Ein Mopedfahrer schlängelt sich durch Fußgängermassen, die bei Grün die Fahrbahn betreten, steuert mit links sein Gefährt und hält mit der Rechten sein Handy ans Ohr. Mit wem um Gottes willen wird er telefonieren?

Wo immer wir uns befinden – die Griechen telefonieren. Die Bardame im Hotel, wenn keine Gäste da sind, die Großmutter mit voll gepackten Taschen, der Taxifahrer beim Chauffieren, Schüler und Studenten sowieso – in der U-Bahn, im Supermarkt. Überall hörst du den einleitenden Satz „Που είσαι – wo bist du“, plapper, plapper, plapper.

Bereits zwei Mal waren wir in Athen - bis zum Lykavittos, der mit 277 m höchsten Erhebung Athens, hatten wir es noch nicht geschafft. Eine Zahnradbahn ist in der Karte verzeichnet, die bis zum Gipfel hinauffahren soll. Ein enormer Fußmarsch durch enge Gassen, vorbei an Baustellen, teils auf der Straße, da die Fußwege zugeparkt sind. Endlich stehen wir vor der Bahnstation und fahren im Inneren des Felsens zum Gipfel.

Bild

Athen von oben entschädigt für die Strapazen. (Das nebenstehende Foto zeigt den Lykavittos) Wir sehen die Akropolis und die bergige Landschaft am Horizont. Natürlich gibt es eine Kirche da oben, natürlich Restaurants - die Mehrzahl der Stammgäste sind Tauben, die man energisch verscheuchen muß. Der Weg zurück in die Stadt führt wiederum über Treppen, vorbei an Souvenirgeschäften und kleinen Tavernen.


Bild

Sonntag. Vom Balkon unseres Hotels aus sehen wir auf eine der engen Straßen hinunter, die Nikiforou – auf die vielen Immigranten, die mit irgendetwas handeln, das sie aus großen Zeltbahnen und Decken hervorkramen.
Im Nu ist die Straße voller Händler – und neugieriger Griechen, die vielleicht ein Schnäppchen wittern oder eine Sensation. Am einen Ende der Straße taucht ein Streifenwagen auf, schnell raffen die Händler ihre Ware zusammen und laufen mit den großen Säcken auf dem Rücken davon.
Der Streifenwagen zeigt Präsenz, weiter nichts. Er durchfährt langsam die Straße, fast als will er nur drohen. Die Seitenstraße ist jetzt fast leer – und als der Streifenwagen hindurchgefahren ist, tauchen die Händler von überall wieder auf. Das Spiel beginnt von vorn.
Die Polizei ist machtlos, die Immigranten längst in der Überzahl. Viele solcher Märkte wird es geben in Athen, namenlos, nicht registriert, illegal.

Wir gewöhnen uns nur schwer daran, auch an denen vorbeizugehen, die auf dem Gehweg eingeschlafen sind – ob betrunken, krank, erschöpft, man kann es nicht unterscheiden.
Der Sonntag neigt sich dem Abend zu; die kleine Nebenstraße Nikiforou sieht aus wie eine Müllhalde. Kartonreste, Kisten, Pappschachteln, Essensreste und dazwischen unser 4-Sterne-Hotel.
Woher soll das Bewußtsein für eine saubere Umwelt kommen bei Leuten, die nur überleben wollen. Wo sollen sie die vielen Verpackungen, Pappen sonst entsorgen als auf der Straße. Sie können nicht beim Empfang der geschmuggelten Waren die Verpackung zurückgeben, als wären sie beim Einkaufen.

Am Montagfrüh sehen wir der Straßenreinigung zu, die all die großen Abfallbehälter leert und die Straßenränder vom groben Dreck befreit. Bereits mittags sind die Behälter wieder voll.


In den U-Bahn-Stationen, die wir alle durchfahren, sieht man die Immigranten weniger. Wer wird sich schon eine Fahrkarte leisten können.
Das System des Kartenverkaufs begeistert mich hier wieder, und ich lache innerlich über die sächsische Nahverkehrsstruktur, die kein Mensch durchschaut.
Eine U-Bahn-Karte für 24 Stunden kostet 3,00 Euro; will ich nur 1,5 Stunden unterwegs sein, brauche ich nur 80 Cent.
Ich kann sowohl am Automaten lösen oder am Schalter oder den kleinen Kiosken, die überall in der Stadt stehen. Überall ist immer ein Mensch in der Nähe, den man fragen kann. Die Griechen lieben das persönliche Gespräch. Warum in einem Fahrplan etwas suchen, der sowieso meistens nicht stimmt – man fragt lieber einen, der zuständig ist. Wenn auch dessen Auskünfte keineswegs verbindlich sind, wie wir inzwischen wissen.
Wichtig stehen denn auch die uniformierten Beamten in den U-Bahn-Stationen und geben beispielsweise Auskunft über den bevorstehenden Streik (an dem das gesamte U-Bahn-Netz für einige Stunden um die Mittagszeit lahmgelegt wird).
Lange gibt es das U-Bahn-Netz noch nicht, und alt sehen auch die Graffiti-Künste nicht aus, die bereits an den mit Marmor getäfelten Wänden prangen. Die Griechen sehen’s gelassen, es scheint sie nicht aufzuregen.





Bild
Bild
Viele Grüße
Syrinx

Man sollte im Leben nicht zu früh nach Griechenland kommen, sonst sieht man nichts anderes mehr von der Welt.
Benutzeravatar
Syrinx
Reiseleiter
Reiseleiter
 
Beiträge: 590
Registriert: Montag 5. November 2007, 12:19

Re: 5 Tage Athen 2008. Ein anderer Reisebericht.

Neuer Beitragvon Syrinx » Sonntag 23. November 2008, 13:51

Was regt sie überhaupt auf. Oh, ich denke, da gibt es schon genug. Wenn sie sich eingeschränkt fühlen, bevormundet durch den Staat oder wen auch immer, wenn man ihnen ihre Bequemlichkeiten nehmen will – ihren Schwatz bei einem Kafedaki, einem Käffchen in schöner Atmosphäre, mitten am Tage. Wenn dann plötzlich vor ihnen einer auftaucht mit einem Schild vor dem nackten, mit vielen Narben und einem frischen Verband versehenen Bauch – „ Είμαι άρροστος, χρειάζομαι λεπτά για να αγοράσω φαρμακό - Ich bin krank und brauche etwas Geld, um mir Medikamente kaufen zu können.“
Sie schauen weg, doch das Schild folgt ihnen, der Kranke geht einfach nicht weg.

Wir verziehen uns für einen Tag aus dem Dunst der Großstadt, fahren mit der U-Bahn hinaus nach Piräus, um dort Seeluft zu atmen. Bereits am Bahnhof – es ist Sonntag – Unmengen von ausländischen Immigranten, die ihrerseits irgendwelche Waren versuchen feilzubieten, die an den Straßenrändern stehen und so gar nicht ins Bild passen, das auf der anderen Seite die Damen zeigt, die aus der Kirche kommen. Irgendwie stehen wir plötzlich vor einem Kiosk, an dem die Abfahrtszeit für die Fähre nach Aegina angeschrieben ist. Und unser Entschluß ist schnell gefaßt. Wir lösen die Tickets, gehen an Bord, und die Fähre legt ab.

Bild
Bild

Eine reichliche Stunde braucht sie, bis sie in Aegina anlegt. Wir wollen am gleichen Nachmittag noch zurück, haben leider nicht genug Zeit, die Insel näher in Augenschein zu nehmen. Der Yachthafen ist riesig; hier werden die Athener ihre Sommerdomizile haben und die Wochenenden lieber auf See oder am Meer als in der stickigen Hauptstadt verbringen.

Es gibt hier einen Markt, auf dem fangfrischer Fisch verkauft wird, die Taverne gleich daneben. Und wieder freue ich mich, hier zu sein, mir Χόρτα βουνού – wörtlich übersetzt Gras aus den Bergen – als Beilage servieren zu lassen. Das einfachste aller Lebensmittel, gedünstet, mit Salz und Zitrone verfeinert. Was will man mehr.
Für mich gabs Kalamari, gegrillt.

Bild

Am Montag streiken die U-Bahn-Mitarbeiter für volle 4 Stunden, mitten am Tage. Da es die Griechen nicht zu erschüttern scheint, sagen wir uns auch, wir haben Urlaub, und nehmen uns zum 3. Male die Akropolis vor. Wir kennen sie von 1992 und 1999. Mitten aus der Betonwüste erhebt sich dieser Hügel, Jahrhunderte alt, erhaben thront er über der Hauptstadt und wird nur noch überragt vom Lykavittos Hill.
Und wieder bin ich überwältigt. Sowohl von der Wucht, der Gewaltigkeit der „oberen Stadt“, als die sie einst gebaut wurde, als auch von der Kunst der Restauratoren heute, aus Fragmenten wieder komplette Bausteine zu zaubern, bin überwältigt von der Bautechnik da oben – ich, die ich keine Ahnung habe. Da sind Kräne auf Schienen installiert, das Hochmoderne neben dem Jahrhundertealten. Millimetergenau werden Bausteine angehoben, horizontal wie vertikal jongliert und paßgenau eingefügt. Der Mensch steht lediglich daneben und drückt ein paar Knöpfe seiner Fernbedienung. ... sage ich, die ich keine Ahnung habe.

Hätte hier gern mehr Bilder reingestellt, die sind vom Dateiformat aber alle zu groß :((

Bild
Bild
Bild


Und aus jahrhundertealten Bausteinen am Parthenon sprießen grüne Kletterpflanzen empor, recken sich zum Licht.
Tja, man fragt sich trotzdem – wie lange wird es noch dauern, bis sich die Graffiti-Künstler auch hier ausprobieren werden, ob sie wohl überhaupt den Respekt vor dieser menschlichen Arbeit überwinden werden. Hoffentlich nicht.

Athen – wenn ich jetzt zurückdenke, wächst trotzdem schon wieder Sehnsucht. Nach diesem Land, nach seinem südländischen Lärm, nach der Quirligkeit der Straßen – auch nach dem nicht-Perfekten. Nach dem, das niemals „deutsch perfekt“ sein wird. Geht auch mit halber Kraft, geht auch mit Provisorien, die ein Leben lang halten.
Σιγά, σιγά – immer mit der Ruhe.

Irgendwann entdecken wir in der Nähe unseres Hotels sogar die Taverne Megalos Alexandros – der Name inspiriert natürlich, dort unbedingt hineinzuschauen. Wir wollen griechisch essen, wie die Einheimischen, wir wollen kein amerikanisches fast food.

Die Speisekarte bietet wirklich Einheimisches und ist in mindestens 10 Sprachen übersetzt. Dementsprechend die Gäste – ob es Dienstreisende sind oder Touristen, keine Ahnung. Der Mann am Nachbartisch scheint täglich hier zu essen, wir unterhalten uns ungeniert über sein Esstempo und stufen ihn als Briten ein, dem Aussehen und der Körperfülle nach zu urteilen.
Ich ordere – natürlich in griechisch – ein weiteres Glas Weißwein für mich; die Kellnerin ist begeistert und fragt, woher wir kommen. Απο τη Γερμανία, aus Deutschland, antworte ich, worauf sie sich an den Herrn am Nebentisch wendet und ihm freudig zuruft „Oh, look, these lady comes from Germany too, and she speaks Greek, fluently!“ Naja, wir haben uns dann schon überlegt, ob wir vorhin nicht zu laut waren im Gespräch ...

Es ist Dienstag, noch knapp zwei Tage liegen vor uns. Die Höchsttemperatur des Tages liegt bei 25 °C, schnell entschließen wir uns, wieder nach Piräus zu fahren, ans Wasser.
Nicht ganz so weit wie Aegina liegt die Insel Salaminas von Athen entfernt; hier legt die weitaus kleinere Fähre stündlich ab und kehrt stündlich zurück. Der Dampfer nimmt eine andere Route, wir durchqueren den riesigen Hafen von Piräus, vorbei an Frachtschiffen aller Herren Länder, an Lotsenbooten, die riesige Tanker in den Hafen geleiten, vorbei an Dutzenden Schiffen, die vor dem Hafen vor Anker gegangen sind und noch warten müssen, bis sie ihre Fracht löschen können.
Vorbei an dem Hafen, wo Schiffe der griechischen Marine liegen und auf ihren Einsatz warten.

Die Fähre ist kleiner als die nach Aegina, und jetzt im November kann man die Passagiere zählen.


Bild
Bild

Gemächlich steuert der Käpt’n den Hafen an, und ich traue meinen Augen kaum – er hat die Beine neben dem Amaturenbrett hochgelegt und bewegt mal eben mit linker Hand das Steuer; mit der rechten? Na was schon. Er telefoniert.

Bild

Beim Anlegen hilft ihm ein vielleicht 13Jähriger, den ich vorn am Bug überrasche, als er ganz selbstvergessen tanzt, zur Musik seines MP3-Players. Orientalische Popmusik, wenn es so was gibt. Er ist kurz verlegen. Nur kurz, dann kümmert er sich nicht mehr um mich und übt weiter.

Salaminas ist kleiner, ländlicher, überschaubarer, weniger „protzig“ als Aegina. Aber wir haben Herbst, die Touristen sind weg, also wird auf der Insel wieder gebaut, instand gesetzt, gearbeitet.

Wir finden nicht so schnell eine gemütliche Taverne, von welcher aus man geruhsam aufs Meer schauen kann. Dazu müssen wir laufen, einige Kilometer, und endlich finden wir ein Kafeneion direkt am Meer, wo es auch Bier gibt.
Der Hund des Besitzers liegt zu unseren Füßen und schläft in der Sonne. Überall kleine Bootsstege, wo die einheimischen Fischer ihre Boote festmachen – weniger für Touristen.

Eine ältere Frau schaut nach ihrem Bootssteg, räumt einigen Unrat aus dem Sand weg, den die Wellen an Land gespült haben – Plasteflaschen, irgendwelche Pappen, einen kleinen Teppich – und wirft alles auf das Nachbargrundstück. Zufrieden stemmt sie nach getaner Arbeit die Arme in die Hüften und schaut aufs Meer. Sehen Sie, unser Grundstück ist sauber.
Es wird Generationen dauern, dieses Denken zu verändern.

Die Kirche, im oberen Dorf gebaut, ist der Ort, von deren arkadenartigen Balkonen aus man den schönsten Blick über die Bucht, einen Teil der Insel und das Festland hat. Offen ist die Kirche nicht, dafür hängt an der Tür ein Schild mit den Telefonnummern des Sicherheitsdienstes.

Bild
Bild
Bild

Zurück in der Nikiforou, in unserem Hotel sehen wir, heute sind die Straßen so gut wie sauber, die Straßenreinigung war offenbar gerade da gewesen. Die ausländischen Immigranten stehen wie immer in Grüppchen und unterhalten sich, rauchen, telefonieren.
Noch gibt es nur wenige Wortwechsel zwischen ihnen und den Einheimischen.
Noch sind die Griechen nicht aggressiv den Fremden gegenüber.

Nachdenklichkeit ist geblieben nach 5 Tagen Athen. Die Welt verändert sich, die Menschen verändern sich. Dieses Immer-mehr-wollen, es hört nicht auf, es funktioniert wie ein Naturgesetz. Vom Niederen zum Höheren. Über die Definition „Was ist das Höhere“ ist man sich eben nur nicht klar. Wenn „das Höhere“ nur als Konsum interpretiert wird – dann gute Nacht, für uns alle, für die Welt insgesamt.
Kann man es den Immigranten verdenken, daß sie auch ein Stückchen abhaben wollen von dem, was es in wenigen Ländern im Überfluß gibt. Ein Stückchen Existenz zurückhaben wollen – deren Grundlagen ihnen auch Europa genommen hat. Konsum ist die eine Seite, Menschlichkeit und Überleben die andere. Die eine Seite scheint eine Spirale ohne Ende zu sein – wenn wir nicht aufpassen, wird sich die Spirale auf Kosten der anderen Seite immer schneller drehen.
Viele Grüße
Syrinx

Man sollte im Leben nicht zu früh nach Griechenland kommen, sonst sieht man nichts anderes mehr von der Welt.
Benutzeravatar
Syrinx
Reiseleiter
Reiseleiter
 
Beiträge: 590
Registriert: Montag 5. November 2007, 12:19

Re: 5 Tage Athen 2008. Ein anderer Reisebericht.

Neuer Beitragvon makedonissa » Sonntag 23. November 2008, 16:03

Hallo Anne,

ich beginne mit dem Lesen und wollte Schritt für Schritt, Abschnitt für Abschnitt, etwas sagen, darf ich doch oder? :roll:


Tolle Einleitung, gut beobachtet. Museen usw. gibt es in Athen natürlich zuhauf. Aber deine Einleitung zu deinem Reisebericht hört sich auf jeden Fall spannend an.....es müssen ja nicht immer Museumsbesuche auf dem Plan stehen :wink:


LG
Maria
makedonissa
Reise-Profi
Reise-Profi
 
Beiträge: 3515
Registriert: Sonntag 28. Oktober 2007, 17:32

Re: 5 Tage Athen 2008. Ein anderer Reisebericht.

Neuer Beitragvon makedonissa » Sonntag 23. November 2008, 16:52

Dein Bericht ist natürlich kritisch und nicht in der heilen Blau-Weissen Inselweltromantik verpackt, wie es die meisten
Griechenland-Urlauber kennen und wollen.

Die angesprochenen Probleme sind selbstverständlich auch nicht zu übersehen. Ich war das letzte Mal 2005 dort und habe diese Zustände auch wahrgenommen. Andererseits ist seit den 80er Jahren auch viel Positives in Athen passiert und seit die Vergabe der Olympischen Spiele bekannt wurde, hat man sich mit allerlei Förderungsprogrammen und Umweltmaßnahmen
hier und da auch wirklich angestrengt und für eine positivere Optik der ältesten Hauptstadt Europas gesorgt.

Mir persönlich tut es in der Seele weh, dass Athen so einen schlechten Ruf gegenüber anderen Hauptstädten Europas hat.
Der erste Gedanke ist immer Moloch, Müll, Smog.

Vielleicht sollte man, auch wenn dies keine Entschuldigung sein soll für die zum Teil verheerenden Zustände, aber vielleicht sollte man auch an die Geschichte Athens der Neuzeit denken, die nicht unbedingt förderlich war, dass die Stadt sich
zum Positiven entwickeln hätte können.
Als 1834, ein Jahr nach Ausruf von Otto von Bayern zum König von Griechenland, Athen zur Hauptstadt Griechenland
erklärt wurde, lag die Stadt, wenn man das so nennen kann, in Schutt und Trümmern. Kaum 5000 Einwohner lebten dort.
Umgeben von geplünderten, verwüsteten großartiger Reste ihrer antiken Geschichte. Hinter sich gebracht hatte man
vierhundert Jahre Besetzung, Belagerung mit dem Versuch der Ausrottung griechischen Denkens und vor allem der Sprache.
Griechenland und nicht zuletzt Athen hat sich dank des nationalen Stolzes und vieler geheimer Aktionen die Sprache und Religion erhalten.
Otto, der bis 1862 in Griechenland blieb, war damals 18 Jahre, konnte kein Wort griechisch und hatte sicher nicht den leisesten Schimmer , was ihn erwarten würde. Die Erwartungen der gebeutelten Griechen war hoch. Sie wollten unbedingt ein unabhängiges Staatsoberhaupt, dass ihnen die geforderte SYNTAGMA (darum hatte man Kapodistrias letztendlich ja getötet) also Verfassung gab. Friede, Ruhe und ein gewisses System im Lande. Es kam leider (was hier jetzt zu weit führen würde) ganz anders, weil die Vorstellungen, die Sprache und nicht zuletzt die grundverschiedenen Kulturen und die Auffassung von Ordnung gänzlich unterschiedlich waren.


Ich bin dahingehend vielleicht ein wenig voreingenommen und möchte Athen auch positive Seiten abgewinnen, wenn ich mal dort bin aufgrund der historischen Aspekte.
Wie kann ein relativ kleines Land, dessen Hauptstadt knapp die Hälfte der gesamten Bevölkerung zählt und zudem noch Hauptmagnet der Umliegerstaaten im Mittelmeer ist, solche Probleme lösen??
Die Fremdherrschaften und das explosionsartige Anwachsen der Bevölkerung von 5000 auf knapp 4 MIO (legaler)
Einwohner in knapp 170 Jahren ist schon mehr als förderlich für ein gesundes Gedeihen.

Wie gesagt, es soll keine Entschuldigung an sich sein, aber vielleicht ein Versuch, Athen ein wenig mit Nachsicht zu sehen.
Man täte der Wiege unserer Demokratie vielleicht ein wenig unrecht, würde man all das, was hier entstanden, geboren und philosophiert wurde für unsere Nachwelt, mit den letzten Jahren der Neuzeit kompensieren und einfach vergessen.


Liebe Grüsse
Maria
makedonissa
Reise-Profi
Reise-Profi
 
Beiträge: 3515
Registriert: Sonntag 28. Oktober 2007, 17:32

Re: 5 Tage Athen 2008. Ein anderer Reisebericht.

Neuer Beitragvon Syrinx » Sonntag 23. November 2008, 21:33

Hi Maria,

ich will ja nicht hoffen, daß der Bericht nur die negativen Seiten rüberbringt.
In die Rubrik "Negativberichte" würde ich ihn auch niemals einreihen wollen.
Ich habe versucht, die Faszination zu begründen, die trotz allem nicht nachläßt.
Wie gesagt, ich bin kaum wieder hier und könnte bereits morgen abermals losfahren.
Wie ich diesem Land und seinen Menschen gegenüberstehe, ist hoffentlich nicht zu kurz gekommen.
Gerade weil man griechische Menschen näher kennengelernt hat, ist diese gefühlsmäßige Bindung entstanden.

Die Beschreibung der Immigrantenprobleme betrifft ja eigentlich auch nicht nur GR, sondern all die Staaten, die ans Meer angrenzen -
wir bekommen doch hier kaum was davon mit. Europa kann da auch diese Länder nicht allein lassen.

Athen - für mich hat das immer noch einen faszinierenden Klang, trotz aller angesprochenen Probleme.
Für mich kommt nicht Müll und Smog an erster Stelle, wenn auch der Bericht damit anfängt.
Aber ich denke, grundsätzlich sprechen wir schon dieselbe Sprache!
Viele Grüße
Syrinx

Man sollte im Leben nicht zu früh nach Griechenland kommen, sonst sieht man nichts anderes mehr von der Welt.
Benutzeravatar
Syrinx
Reiseleiter
Reiseleiter
 
Beiträge: 590
Registriert: Montag 5. November 2007, 12:19

Re: 5 Tage Athen 2008. Ein anderer Reisebericht.

Neuer Beitragvon makedonissa » Sonntag 23. November 2008, 22:01

Hallo Anne,

natürlich sprechen wir die gleiche Sprache :tanz:
Und deine Liebe zu Griechenland erkennt man an den schönen Bildern und
der Sehnsucht zwischen den Zeilen.

Liebe Grüsse
Maria
makedonissa
Reise-Profi
Reise-Profi
 
Beiträge: 3515
Registriert: Sonntag 28. Oktober 2007, 17:32



Ähnliche Beiträge

Spielplan EM 2008
Forum: Quasselecke
Autor: Aristoteles
Antworten: 4
Top 20 vom 01.07.2008
Forum: News, Kultur, Musik, Bücher, Sport, TV
Autor: werner
Antworten: 26
Ein etwas anderer Reisebericht über Thasos
Forum: Reiseberichte
Autor: makedonissa
Antworten: 31
Top 20 from 16.06.2008
Forum: News, Kultur, Musik, Bücher, Sport, TV
Autor: werner
Antworten: 1
8 Tage Peloponnes
Forum: Festland Reiseberichte
Autor: Syrinx
Antworten: 6

TAGS

Zurück zu Festland Reiseberichte

Wer ist online?

0 Mitglieder