Kleiner Erfolg.
TG Claudia
Kastrationsprojekt an Hunden in Sarajevo - Oktober 2008
Unser 2. Kastrationsprojekt in Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien & Herzegowina, ist nun erfolgreich zu Ende gegangen. Wir sind sehr stolz darauf sagen zu können, dass wir rund 100 Hunde innerhalb von 5 Tagen (06.10.08 bis 10.10.08) kastriert und sterilisiert haben, obwohl dieses Jahr fast nur Hündinnen sterilisiert worden sind, die im Vergleich zu Rüden wesentlich zeitaufwändiger sind. Wir sind mit der Anzahl der kastrierten Hunde mehr als zufrieden. Um Ihnen einen möglichst tiefen Einblick in die Ereignisse der Kastrationswoche zu ermöglichen, werde ich meine Erlebnisse und Gedanken dieser Woche kurz Revue passieren lassen.
Im Vergleich zum ersten Pilotprojekt 2007 waren dieses Jahr die Vorbereitungen für das Projekt weitaus aufwendiger. Es wurden gezielte Marketingaktivitäten gesetzt, Infostände aufgebaut, um die Bevölkerung über das bevorstehende Projekt zu informieren und über die Notwendigkeit von Kastrationen aufzuklären. In den lokalen Nachrichten wie „Kantunalne-Vjest“ durfte ich das Projekt vorstellen und die Bevölkerung aufrufen, ihre Hunde zu einer kostenlosen Kastration in die Veterinärstation zu bringen. Weiters haben wir das Projekt in etlichen Radiostationen wie u.a. ASK Radio, Radio Sarajevo, sowie im Sarajevo Portal ( siehe Link ) vorgestellt. Auch der sehr bekannte Fernsehender „Pink“ hat Interesse an unserem Projekt gezeigt - auch hier hatte ich die Gelegenheit, über die humane Reduktion der Population von Streunerhunden zu sprechen.
Der Direktor der Veterinärstation, Herr Nedim Brdaric hat gut mit uns kooperiert. Er hat uns seine Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt sowie ein Team von 5 Tierärzten und 5 Studenten. Dr. Orsolya Szepes verstand es binnen kürzester Zeit das ganze Ärzteteam perfekt zu führen. Jeder Arzt und Student hatte seinen Verantwortungsbereich und der Lerneffekt, vor allem für die Studenten, war immens groß. Eine Studentin, Amela, berichtet in einem Fernsehinterview, dass diese praktische Erfahrung, welche sie im Zuge dieses Projektes lernen durfte, Meilensteine im Rahmen ihrer Ausbildung darstellt.
Vor allem die Studenten Amila, Amina und Jasmin zeigten großes Engagement, selbst bis in die späten Stunden wurden Hunde kastriert – egal ob die Dienstzeit bereits längst zu Ende war. Das Projekt, die professionelle Kastration an den Hunden sowie die spätere Nachbetreuung standen für jeden von uns im Vordergrund. Dr. Szepes hat nicht nur durch ihre Professionalität geglänzt, sondern vor allem durch die Zuwendung und Liebe zu den Tieren. Dies zeigte mir, welch besonderer Mensch sie ist. Für sie stand nicht die Quantität der kastrierten Hunde im Vordergrund, sondern rein die Qualität und Genesung jedes einzelnen Hundes nach der Operation. Ich habe sie als Mensch und Tierärztin sehr zu schätzen gelernt und freue mich schon jetzt auf eine weitere Zusammenarbeit.
Dieses Jahr wurden im Vergleich zum Vorjahr nicht nur verstärkte Marketingaktivitäten gesetzt, um die Nähe der Bevölkerung zu suchen, sondern es wurde im Hintergrund eine Datenbank aufgebaut, in der jeder Hund fotografiert und die genauen Daten eines jeden Einzelnen aufgenommen worden sind. Jene Hunde, die sich auf der Strasse befinden und von der Bevölkerung wahrgenommen, anerkannt und versorgt werden – wir deklarierten diese Hunde als „Community dogs“ – wurden mit unserer gelben Ohrmarke versehen, um somit für die Hundefänger deutlich erkennbar zu sein. Diese Hunde dürfen im Rahmen unseres Projektes laut unserem vereinbarten Vertrag mit dem Umweltministerium und der Veterinärstation NICHT eingefangen und getötet werden.
Es war eine sehr anstrengende und engergieraubende Zeit. Sich jedoch vor Augen zu halten, dass fast 100 Hunde kastriert wurden und den Nachkommenden ein elendes Leben auf der Strasse erspart werden konnte, setzte zusätzliche Kraftreserven frei. Bedenkt man, dass viele von den Hündinnen trächtig waren (eine Hündin war mit 15 Welpen trächtig) kann man sich vorstellen, wie essentiell dieses Projekt ist, um gegen die weitere Vermehrung der Streunerhunde vorzugehen.
Im Zuge dieses Projektes durfte ich einige bemerkenswerte Menschen kennen lernen. Ich muss gestehen, dass ich immer wieder aufs Neue von der Mentalität der Bosnier fasziniert bin. Einerseits oftmals enttäuscht von einem Land, dass bis heute die Tötungsanstalt von Hunden als legitim betrachtet und diese finanziert, obwohl diese veraltete und vor allem nicht effektive „Methode“ zur Lösung der Streunerproblematik beigetragen hat. Vice versa treffe ich andererseits immer mehr Menschen in Sarajevo, die genau so wie wir alle, die Tötung von Hunden aufs tiefste verachten und auf unsere Unterstützung bauen.
Trotz weit verbreiteter Armut kümmern sich Mitbürger um die Strassenhunde und sind zum Teil bereit, ihr letzte Stück Brot diese Hunden zu geben. Genau vor diesen Menschen habe ich große Achtung. Sie zeigen mir, dass auch jenes Land, welches noch immer vom Krieg gezeichnet ist, bereit ist, sich den Problemen der Streunerproblematik zu stellen.
Vor mir sehe ich noch den alten Mann, sein Name ist Skenderovic Mehmed. Als er mir seine Hündin Silvia, zu Kastration übergab stiegen ihm plötzlich Tränen in den Augen, er umarmte mich und seine Hündin ganz fest. Ich hatte das Gefühl, als ob er uns gar nicht loslassen wollen, er sagte zu mir: Liebe Mariane, ich übergebe dir gerade meinen ganzen Besitz, diese Hündin ist alles was ich habe, sie erfüllt und erleuchtet mein Leben….bitte pass auf sie auf und kümmere dich um sie. Glaube mir, auch hier gibt es Menschen, die für ihren Hund alles geben würden…Allah möge mit dir sein und dich beschützen… ich hole meine Silvia wieder ab nach der Kastration...
Viele Menschen die ihre Hunde zur Kastration angemeldet hatten waren sehr dankbar und begrüßten das Projekt. Selbst ich war mir dessen nicht bewusst, wie die Resonanz aus der Bevölkerung auf unser Kastrationsprojekt verlaufen würde und war bemerkenswert positiv überrascht.
Genau jene Menschen wie Mehmed geben mir Kraft und Motivation solche Projekte weiterhin durchzuführen.
Hin und hergerissen von meiner Einstellung zu den Bosniern, weiß ich letztendlich: Wir müssen nicht nur für die Tiere weiterkämpfen, sondern, auch der Bevölkerung zeigen, dass wir nur gemeinsam gegen die Tötungsanstalt ankämpfen können. Jeder einzelne Mitbürger in Sarajevo, finanziert durch Steuereinnahmen Monat für Monat, Tag für Tag das Töten dieser wundervollen Geschöpfe!
Ich möchte mich bei unseren deutschen Kollegen der Tierhilfe Süden e.V. bedanken, die dieses Projekt finanziell unterstützt haben.
Weiters bedanke ich mich herzlichst für die finanzielle Unterstützung bei der Organisation Animal Care Austria (ACA Austria).
Wie der Name Projekt schon impliziert, stehen hinter solch einem Projekt sehr viele engagierte Tierschützer die mich seit der Planung und Umsetzung unterstützt haben, mit mir geschwitzt haben und bis zum letzten Tag immer an meiner Seite standen. Hier gilt mein besonderer Dank Jelena Despot, Dijana Mocevic sowie Scott Lang - die selbst eine neugegründete Organisation Prijatelji Zivotinja BiH ( http://www.prijatelji-zivotinja-bih.com ) ins Leben gerufen haben.
Weitere Menschen bei denen ich mich bedanken möchte sind unter dem Button "DANKE" zu finden... Jeder Einzelne hat einen großartigen Beitrag geleistet und deshalb mein herzliches Dankeschön!
Wie schaut die Zukunft aus?
Wie bereits schon in meinen letzten Berichten erwähnt, sehe ich solch ein Kastrationsprojekt als ein Puzzelteil zur Lösung der Streunerproblematik in Sarajevo. Der Direktor der Veterinärstation hat großes Interesse, kontinuierlich kostenlose Kastrationen an Hunden durchzuführen. Hierbei ist eine staatliche Förderung unabkömmlich.
Dahingehend werden wir in den nächsten Monaten die Verhandlungen mit dem Umweltminister fortsetzen.
Dieser Win-Win-Effekt, den die Tierätzte vor Ort innerhalb der Kastrationswoche erlebt haben, muss weiterhin gefördert werden.
Regelmäßige theoretische sowie praktische Schulungen für Tierärzte und Studenten sind hier maßgeblich. Weiters müssen kontinuierliche PR Aktivitäten durchgeführt werden – verstärkte Aufklärung über die Notwendigkeit von Kastrationen an Hunden im Privatbesitz (Kettenhunde) und vor allem an Strassenhunden. Die Verantwortung gegenüber den Tieren muss sich in den Gedanken eines jeden einzelnen Mitbürgers manifestieren.
Ich kann sichtlich mit Stolz sagen, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Doch oft wurden uns große Steine und scheinbar unüberwindliche Hindernisse auf diesem Weg gelegt. Aber genau dieser steinige Weg, gezeigt mir jedesmal, dass es der Mühe wert ist, ihn zu gehen!
Solch ein Projekt ist nur durch finanzielle Unterstützung und Spenden möglich geworden und deshalb auch meine bitte an Sie: Spenden Sie und gehen Sie mit uns diesen Weg – kämpfen wir gemeinsam gegen das Elend der Tiere in Sarajevo an !! Die Tiere danken es IHNEN !!
Ihre Mariane Ruiz