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 Betreff des Beitrags: Leipziger Al-Rahman Moschee wird für die Geiseln in Irak
BeitragVerfasst: Mittwoch 10. Mai 2006, 11:25 
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'Ein Muslim verschleppt niemand, und will dann Geld!'

Mittwoch, 26 April 2006

Auch in der Leipziger Al-Rahman Moschee wird für die Geiseln gebetet.

Fast ein Vierteljahr ist inzwischen vergangen, seit im Irak die beiden Leipziger Ingeneure René Bräunlich und Thomas Nitzschke entführt worden sind. Zweimal in der Woche treffen sich seither Freunde, Kollegen und viele andere Menschen zu Mahnwachen an der Leipziger Nikolaikirche. Doch auch anderswo ist die Entführung ein Gesprächsthema, auch anderswo wird für die beiden Geiseln gebetet: In der Leipziger Al-Rahman Moschee. Ein Beitrag für MDR Figaro, gesendet am 24. April 2006.

[Anhören!]

Die Gegend sieht schon ziemlich heruntergekommen aus: Leerstehende Schuppen und schmutzige Fabrikgebäude. Doch für gläubige Muslime ist die Moschee in der Roschestraße 33a die erste Adresse der Stadt: In den ehemaligen Kindergarten sind diesmal fast vierhundert Gläubige zum Freitagsgebet gekommen. Eigentlich viel zu viele für den Gebetsraum. Per Lautsprecher wird die Predigt von Imam Hassan Dabbagh deshalb in die Nebenräume übertragen. Heute geht es um Joseph, der nach Ägypten verkauft wurde und dort ins Gefängnis gesteckt wurde. Gerade heute hat die Josephgeschichte eine wichtige Botschaft, findet Imam Dabbagh. In seiner Predigt wettert er deshalb gegen Menschen, die den Islam missbrauchen.


Die Mahnwache an der Leipziger Nikolai-Kirche. Foto:wikipedia.org
"Der Muslim ist ein Barmherziger, der Muslim ist eine Person, die Hilfe leistet. Der Muslim ist nicht derjenige, der die Leute verschleppt, oder diejenigen verschleppt, und dann sagt: Ich will dafür Geld. Der Muslim ist nicht derjenige, der voll Hass ist und die anderen nur schlecht machen will. Nein! Der Muslim ist etwas anderes!"

Namen nennt er in seinen Predigten nicht so gerne, sagt der ansonsten eher freundlich klingende Mann später. Doch die Besucher der Moschee wissen genau was ihr Imam von der Entführung von Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke hält, nämlich gar nichts. Dass Soldaten entführt werden, kann mancher Gläubige ja noch nachvollziehen. Aber Menschen, die das aufbauen wollen? Wahlid aus Malaysia macht das ziemlich ratlos.

"Sie sind nicht die Ersten entführt zu werden. Aber als ich gehört habe, dass sie aus Leipzig kamen, das war ein bisschen so ein Schock. Ich habe gedacht: Was machen sie dort überhaupt in einem Kriegsgebiet? Und sie sind keine Soldaten! Und dass sie entführt wurden, das ist nicht vom Islam. Und das ist nicht gut für den Ruf der Muslime weltweit!"

Wie viele seiner Brüder betet deshalb auch er regelmäßig für die beiden Geiseln und ihre Familien, aber auch für die vielen anderen Menschen, die im Irak verschleppt wurden. Mathematiklehrer Abrahim Abdulla geht die Geschichte besonders nah: Vor fünf Jahre ist er aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Er sei schließlich Gast hier, sagt er.

"Die Deutschen waren gastfreundlich zu mir. Und als Muslim erwarte ich doch dass man die beiden auch gastfreundlich behandelt. Sie waren schließlich Ingeneure und haben für einen guten Zweck gearbeitet."

Wie die meisten Besucher der Moschee glaubt er den Entführern deshalb nicht, dass sie wirkliche Muslime sind. Die entführen schließlich keine Menschen, sagt er. Student Karmun Abdesamel aus Marokko sieht das genauso:

"Es gibt viel Mafia dort. Die handeln mit solchen Sachen. Die entführen Leute und verlangen Geld… Vielleicht sind Rene und Thomas auch bei so einer Mafia. Das hat gar nichts mit Religion zu tun."


Entführen 'wahre' Muslime tatsächlich Menschen? Der Imam der Leipziger Moschee sagt: 'Nein!' Foto: Aljazeera
Gleichzeitig findet Karmun es riskant, überhaupt in das Land zu reisen. Selbst für Iraker ist dort lebensgefährlich. Immer wieder sterben Freunde und Verwandte von Gemeindemitgliedern bei den Kämpfen zwischen Schiiten und Sunniten. Andere werden wie Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke das Opfer von Kriminellen Entführern, erzählt Imam Hassan Dabbagh.

"Einer von ihnen hat fünf von seiner Verwandschaft in dieser Art verloren! Geiselnahme, 100.000 Dollar! Es gibt auch Preislisten: Ein Kind, bis so viel, ein Mann bis so viel, eine Frau bis so viel... Und so weiter!"

Bei aller Sorge um die beiden Leipziger darf man das nicht vergessen, erinnert der Imam. In seinen Gebeten bittet er Allah deshalb für alle Geiseln, nicht nur allein für René Bräunlich und Thomas Nitzschke. Trotzdem liegen auch ihm die beiden besonders am Herzen. Für das Irakische Fernsehen hat er deshalb am Wochenende wieder einen Appell an die Entführer aufgenommen.

"Da muss man aufpassen, nicht dass man diese Leute provoziert! Das ist sehr wichtig. Ich habe gesagt: Im Namen Allahs, des gnädigen, des allerbarmer. Diese Leute kamen wollten Euch nicht töten, sie kamen um etwas gutes zu machen. Deshalb: Wenn ihr Islamisch handelt, bitte ich Euch, dass ihr diese Leute freilasst. "

Ob sich die Entführer von solchen Appellen wirklich erweichen lassen?! Er müsse schließlich alles versuchen, sagt der Imam. Doch am Ende ist es vermutlich nur ein hohes Lösegeld, was die beiden Ingeneure wieder zurück nach Deutschland bringen kann. Bis dahin wird auch in der Moschee weiter für sie gebetet.


http://www.stefanroemermann.de/audio/20 ... figaro.mp3


Q.: http://www.stefanroemermann.de/index.php?option=com_content&task=view&id=73&Itemid=71

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BeitragVerfasst: Mittwoch 10. Mai 2006, 11:31 
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Ende des Geiseldramas: 'Die beste Nachricht des Jahres'


Donnerstag, 04 Mai 2006

Nach 99 Tagen Geiselhaft endlich frei: René Bräunlich und Thomas Nitzschke

In Leipzig war es die Freilassung von Thomas Nitzschke und René Bräunlich die wohl beste Nachricht des Jahres: Nach drei Monaten Geiselhaft im Irak kamen gestern (am 2. Mai 2006) die erlösenden Worte: „Sie sind frei!“. An der Nikolaikirche, dem Ort der Friedensgebete und Mahnwachen für die beiden, war die Freude dementsprechend groß. Ein Beitrag für MDR Figaro, gesendet am 4. Mai 2006 um 7.10 Uhr.


[Anhören!] http://www.stefanroemermann.de/audio/20 ... chnitt.mp3


Nikolaipfarrer Christian Führer hatte die vergangen Monate eine besonders schwere Aufgabe. Immer wieder musste er bei den Mahnwachen den Menschen Trost und Hoffnung zuzusprechen. Keine leichte Sache, schließlich gab es oft wochenlang keine Nachrichten aus dem Irak. Als ihm dann gestern am Telefon eine junge Frau von der Freilassung erzählt, kann der Pfarrer es deshalb zuerst gar nicht glauben.

"Ich wusste nicht genau: Ist das eine der – in Anführungszeichen – guten Nachrichten, die wir schon mal hatten, die sich aber leider nicht bestätigt hatten. Oder ist das wirklich eine Nachricht? Meine Frau hat dann gleich das Fernsehen angestellt, und da haben wir dann in der ARD das Laufband gesehen, und da dachte ich dann: Es ist wirklich!"


Kerzen zum Gedenken: 27 mal haben sich an der Leipziger Nikolaikirche Freunde, Bekannte und auch viele andere Leipziger zur Mahnwache getroffen. Foto: Wikipedia
Schon ein paar Minuten später läuten die Glocken der Nikolai-Kirche und die ersten Menschen versammeln sich auf dem Kirchhof. Woche für Woche beteten dort hunderte Menschen für René Bräunlich und Thomas Nitzschke: Angehörige, Kollegen, Freunde und Bekannte – aber auch viele Menschen, die einfach nicht akzeptieren wollten, dass zwei Menschen aus ihrer Stadt einfach so entführt werden. Nach über drei Monaten zweifelten am Ende selbst hartnäckige Optimisten immer häufiger an einem Happy End. Umso größer war gestern die Freude über die Nachrichten aus dem Irak.

"Wir haben gemeinsam Fernsehn geschaut, 19.30 Uhr… und sind dann gleich los!" – "Also ich muss ihnen sagen: so richtig gecheckt haben wir es noch nicht. Also wir sind richtig aufgewühlt, meine Frau und ich!" (Kinderstimme:) "Ich bin in der Stube rum gesprungen, hab bei der Nachbarin geklingelt, Mutti angerufen. Und dann hat meine Schwester angerufen, und die hat gefragt, ob wir zur Nikolai-Kirche fahren. Und dann sind wir losgestürzt." – "Haben gehupt während der Fahrt. Die Leute haben alle geguckt... Die werden wohl gedacht haben, wir sind verrückt, ich weiß es nicht... Einfach einwandfrei!"

Auch der Organisator der Mahnwachen, Winfried Helbig, lächelt zufrieden. 27 Mahnwachen liegen jetzt hinter ihm. Im Zweifelsfall hätte er auch noch Monatelang weitergemacht, sagt er verschmitzt. Trotzdem ist er froh, dass die Entführung nun ein Ende hat. Schließlich kann sich kaum jemand vorstellen, was die beiden Ingenieure dort im Irak durchmachen mussten. Und auch die Angehörigen haben in den vergangen Monaten schließlich eine schlimme Tortour erlebt. Vor allem auch deshalb waren die Mahnwachen so wichtig, findet Helbig.

"Ich glaube die Mahnwache hatte auch einen Sinn speziell für Leipzig, dass jetzt die Leute, die selber betroffen gewesen sind – das geht ja über die Angehörigen hinaus – sich hier auch selber Mut gemacht haben, gezeigt haben, dass sie nicht alleine waren."

Die Bilder von den Mahnwachen gingen schließlich um die ganze Welt, selbst der arabischen Fernsehsender Aljazeera schickte ein Kamerateam nach Leipzig. Oberbürgermeister Burkhard Jung bedankte sich deshalb bei den Besuchern für ihre Ausdauer.

"Das Menschen hier seit dem 24. Januar zweimal die Woche Mahnwache halten, hier in Kälte und bei Schnee und Regen gezeigt haben, mit der Kerze in der Hand: Hier sind Menschen, die denken an die beiden. Das sind, so weiß ich auch aus den Verhandlungen, wichtige Signale gewesen in die arabische Welt."

Doch so ganz vorbei ist der Stress noch nicht: Denn die Rückkehr der beiden soll schließlich auch ordentlich gefeiert werden. In der Nikolaikirche gibt es dafür kommende Woche wahrscheinlich einen großen Dankgottesdienst. Einladungen müssen verschickt werden, neue Plakate gemalt und ein schönes Programm ausgedacht. Doch gestern Abend stand für den Bürgermeister vor allem eines auf der Tagesordnung:

"Jetzt machen wir noch den Sekt auf! Das ist gut!"



Q.: http://www.stefanroemermann.de/index.php?option=com_content&task=view&id=74&Itemid=71

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