Die Schweden, die finde ich gut...
04.09.06
Stopp für Lidl im Skiparadies
Schweden kritisieren deutschen Discounter
Von Bernd Parusel, Stockholm
Der deutsche Discounter ist in Schweden unbeliebt. Die nordschwedische Gemeinde Åre verkaufte ein Baugrundstück an die Kooperative Konsum, obwohl Lidl einen höheren Kaufpreis geboten hatte. Nun droht ihr Ärger von der EU-Kommission.
--------------------------------------------------------------------------------
Lidls Geschäfte in Schweden laufen nicht besonders gut. Seit 2003, als der Discounter seine ersten Filialen in Schweden eröffnete, lockt er zwar mehr Kunden und steigert seine Umsätze. Unter dem Strich hat das Unternehmen jedoch Verluste von 834 Millionen Schwedenkronen eingefahren, rund 90 Millionen Euro. Im vergangenen Geschäftsjahr, vom 1. März 2004 bis zum 28. Februar 2005, beliefen sich die roten Zahlen Medienberichten zufolge auf fast 40 Millionen Euro. Lidl legte erst nach Androhung eines Bußgeldes seinen Jahresbericht vor.
Lidl erklärt die Verluste damit, dass man sich in Schweden noch in der Expansionsphase befinde, und bei Filialgründungen nicht in bestehende Ladenlokale einziehe, sondern neue bauen würde. In nur drei Jahren wurden über 100 Läden in Schweden eröffnet. Auch in Finnland und Norwegen breitet sich der Discounter aus. Eine weiterer Grund könnte sein, dass viele Schweden Lidl ablehnen. In Internet-Diskussionsforen wird unter anderem darüber geschimpft, dass Lidl einen Großteil seiner Waren aus Deutschland und anderen EU-Ländern importiere, obwohl einheimische Produzenten ebenso gute, wenn nicht gar gesündere und schmackhaftere Lebensmittel herstellten. Die deutsche Billigkonkurrenz führe dazu, dass schwedische Bauern billiger produzieren müssten und sich so die Qualität der Lebensmittel verschlechtere.
Außerdem wurde die Lidl-Kampagne der Gewerkschaft ver.di in Schweden bekannt. Die dortige Einzelhandelsgewerkschaft »Handels« kritisiert, dass Lidl Angestellte in Schweden nur befristet beschäftigt und nur 25 Stunden pro Woche. Weil Lidl aber verbiete, Nebenjobs bei Konkurrenzunternehmen anzunehmen, reiche das Einkommen nicht zum Leben aus. Zudem werde in Fünf-Stunden-Schichten gearbeitet. Wären die Arbeitszeiten länger, hätten Arbeiter Anspruch auf bezahlte Pausen.
Gewerkschaftssprecher Sven Lindberg meint jedoch, Lidl sei nicht gewerkschaftsfeindlicher als die Konkurrenz. Bei einheimischen Discountern herrschten »genauso schlimme« Bedingungen. Immerhin habe Lidl geltende Branchentarifverträge unterschrieben. Sorgen macht ihm jedoch, dass Lidl fast ausschließlich junge, unerfahrene Arbeitskräfte anstellt.
Skepsis gegenüber der deutschen Billigkonkurrenz prägt auch ein umstrittenes Grundstücksgeschäft in dem bekannten Wintersportort Åre in Nordschweden. Die Gemeinde wollte die nordische Lebensmittelkooperative Konsum 2005 zum Auszug aus einem zentral gelegenen Gebäude bewegen und bot ihr ein Ersatzgrundstück an. Als Lidl davon Wind bekam, bot der Discounter für den Baugrund rund 718 000 Euro. Die Gemeinde verkaufte das Grundstück trotzdem an Konsum für rund 217 000 Euro. Die Brüsseler EU-Kommission, die von der Opposition im Stadtrat von Åre auf den Fall aufmerksam gemacht wurde, bezeichnet das Geschäft in einer Stellungnahme als »illegale staatliche Beihilfe« und erwägt, von Konsum den Differenzbetrag, etwa 500 000 Euro, zurückzuverlangen.
Ebenso wie seine Millionenverluste hat Lidl das Geschäft nicht öffentlich kommentiert. In Annoncen im Internet sucht der medienscheue Discounter jedoch nach wie vor nach Baugrund. Die Expansion soll weitergehen – wenn die skeptischen Schweden sie nicht stoppen.
Quelle